Geheimrezept für Tafelspitz-Köche: ". . . es genügt nicht, beim Fleischer ein zartes Stück zu verlangen. Man muß darauf achten, in welcher Art es geschnitten ist. Ich meine Querschnitt oder Längsschnitt. Die Fleischer verstehen heutzutage ihr Handwerk nicht mehr. Das feinste Fleisch ist verdorben, nur durch einen falschen Schnitt . . . Es zerfällt in Fasern, es zerflattert geradezu. Als Ganzes kann man’s wohl "mürbe" nennen. Aber die einzelnen Stückchen werden zäh sein . . ."

"Riesen-Loreley-Haar".
"Riesen-Loreley-Haar".

Freilich handelt es sich hierbei nicht um eine profane Kochanleitung, sondern um eine der berühmtesten literarischen Reminiszenzen auf das untergegangene Habsburgerreich. Gibt es eine bessere, saftigere Metapher für den Zerfall der Monarchie? (Danke an die Germanistin Ursula Pichlwagner, die darauf hinwies!) Joseph Roth (1894-1939) schilderte das zitierte Mahl im Hause Trotta in seinem Roman "Radetzkymarsch" (1932).

In der Forschung gibt es übrigens die Meinung, der Tafelspitz sei als kakanische Leibspeise nachträglich in der Zeit der Ersten Republik "erfunden" worden. Die "Wiener Geschichtsblätter" (58/2003) druckten dazu einen Aufsatz von R. A. Zahnhausen ab, mit dem Titel "Was aß Baron von Trotta wirklich am Sonntag?"

Ob Tafelspitz oder nicht: Gewiss ist, dass oft erst im Rückblick die alte Zeit gut wird und golden glänzt wie die Nudelsuppe beim Einschöpfen an der Trotta’schen Tafel.

*****

Zeit für eine kurze Werbeunterbrechung: "Ich Anna Csillag, mit meinem 185 Centimeter langen Riesen-Loreley-Haar habe solches infolge vierzehnmonatlichen Gebrauches meiner selbsterfundenen Pomade erhalten . . ." So lautet der Text einer von Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, eingeschickten alten Zeitungsreklame. Die 1852 geborene Csillag, Unternehmerin und Gesicht ihrer eigenen Kampagne, war um die Jahrhundertwende in den Anzeigenteilen der Gazetten allgegenwärtig. So musste sie auch Karl Kraus (1874-1936) auffallen.

Zu Ostern 1900 schlug der "Fackel"-Herausgeber das "Neue Wiener Tagblatt" auf und stellte (in "Fackel" Nr. 38) nicht ohne Schadenfreude fest: "Für die Literatur war diesmal kein Platz. Sie musste mit der oberen Hälfte einer Inseratenseite vorlieb nehmen, und man genoss den Anblick, oben "Ich, Hermann Bahr!" und darunter "Ich, Anna Csillag!" annonciert zu sehen."

*****

Wo waren wir? Beim Essen: In der Zwischenkriegszeit verbreitete sich auch in Wien eine neue Art der Aus- bzw. Abspeisung: die maschinelle. In "Automaten-Buffets" - eines gab es z.B. im Vergnügungsviertel "Venedig in Wien" - bedienten sich die Hungrigen, nach Geldeinwurf, selbst. Skeptiker, wie der Literat Anton Kuh (1890-1941), zeigten sich ob der Unmenschlichkeit und Kälte solcher Etablissements irritiert.

Steht man heutzutage magenknurrend vor einem Snack-Automaten, versteht man Anton Kuh. Und Joseph Roth wird man die kulinarische Verklärung von Tafelspitz und Nudelsuppe gerne verzeihen.

Aber wie sind wir eigentlich auf das Thema gekommen? Ach ja: Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, brachte es aufs Tapet, als sie beiläufig von einem "Lebkuchenmodel mit dem Doppeladler" erzählte . . .

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner