Der berühmteste Straßenbahnunfall in der österreichischen Literatur passiert ganz nebenbei: "Als Mary K.s Gatte noch lebte, Oskar hieß er, und sie selbst noch auf zwei sehr schönen Beinen ging (das rechte hat ihr, unweit ihrer Wohnung, am 21. September 1925 die Straßenbahn über dem Knie abgefahren), tauchte ein gewisser Doktor Negria auf . . ."

Achtung Linksverkehr! - © Bild: Arichv Repro: Stefan Koch
Achtung Linksverkehr! - © Bild: Arichv Repro: Stefan Koch

So beginnt Heimito von Doderers 1951 erschienener Roman "Die Strudl-hofstiege". Erst mehr als 800 Seiten später erfährt der Leser, wie sich das Unglück zugetragen hat: Mary K. wird von einem merkwürdigen Phänomen abgelenkt: "Ein Straßenbahnzug fuhr gegen die Alserbachstraße hinauf, mit einem ganz altmodischen kleinen Anhänger", zu dem nur "kleine und verhutzelte Insassen gepaßt hätten." Die zerstreute Dame übersieht daraufhin einen (damals links fahrenden) Zug aus der Gegenrichtung . . .

Zwar war in Wien, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, feststellt, schon "1902 . . . die Elektrifizierung der letzten Pferdebahnlinie" erfolgt - das heißt aber nicht, dass die alte Glöckerlbahn mit einem Schlag verschwunden wäre. Noch Jahrzehnte verwendete man sie als Beiwägen. Gut möglich, dass es sich bei dem kuriosen Anhängsel, das Mary K. ablenkte, um ein solches Gefährt handelte.

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1881 nennt Prof. Helmut Bouzek, Wien 13, als das Jahr, in dem "die erste elektrische Straßenbahn der Welt in Berlin ihren Dienst" aufnahm - es war der "Beginn einer neuen Ära"! Doch die Provinz hinkte weit hinterher. Erich Kästners Kinderbuch "Emil und die Detektive" (wie Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" 1929 erschienen) gibt das beste literarische Beispiel dafür.

In seiner Heimat Neustadt fährt der Knabe Emil noch mit der Pferdetramway zum Bahnhof: "Bis jetzt konnte . . . von Elektrizität gar keine Rede sein, und der Wagenführer hatte nicht das Geringste mit irgendwelchen Kurbeln und Hebeln zu tun, sondern er hielt in der linken Hand die Zügel und in der rechten die Peitsche." Doch kaum in Berlin angekommen (". . . von allen Seiten Straßenbahnen, Fuhrwerke, zweistöckige Autobusse!"), findet er sich schon auf einer "Elektrischen" wieder, die mit ihm davonsaust . . .

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Moskau hat, wie Gerhard Toifl, Wien 17, recherchierte, das viertgrößte Straßenbahnnetz der Welt (hinter Melbourne, St. Petersburg, Berlin, und vor Wien, laut Homepage der Wiener Linien). Die Geburtsstunde der Moskauer Pferdetram hatte 1872 geschlagen, die erste Elektrische ratterte 1899 durch die Stadt. Doch bis zur Umstellung der nächsten Linie sollten Jahre vergehen - groß war die Skepsis gegenüber der neuen Technik.

In seinem Roman "Der Meister und Margarita" (entstanden ab den späten 1920ern, aber erst 1966/67 erschienen) schildert Michail Bulgakow ein Tram-Unglück, bei dem der Teufel persönlich die Hand im Spiel hatte: Berlioz, Chefredakteur einer Literaturzeitschrift, "lief zum Drehkreuz und faßte es mit der Hand . . . Im Glaskästchen war die Schrift "Achtung, Straßenbahn!" aufgeleuchtet. Da brauste sie auch schon heran, die Straßenbahn". Berlioz rutscht auf verschüttetem Öl aus, sieht das "auf ihn zurasende entsetzensbleiche Gesicht der Wagenführerin . . . dann wurde es dunkel."

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner