Homer, Inbegriff des Dichters. - © Bild: Archiv. Repro: Iris Friedenberger, Stefan Koch
Homer, Inbegriff des Dichters. - © Bild: Archiv. Repro: Iris Friedenberger, Stefan Koch

Am Anfang war der Groll. "Menin" - so Erwin Kladiva, Wien 14 - "ist das erste Wort in Homers Ilias. Es wird auch als "das Eingangswort der ganzen europäischen Literatur" bezeichnet." Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach pointiert sogar vom "ersten Wort Europas" - "menin", der Akkusativ von "menis", bedeutet Zorn.

Robert Porod, MBA, Frauenhofen bei Horn, erklärt: Die wohl mindestens 2700 Jahre alte "Ilias ist eines der ältesten schriftlich fixierten Werke Europas."

Bei der Recherche zur zweiten Frage der Nuss Nro. 324 stellte sich Dr. Manfred Kremser, Wien 18, "den Zeitreisen-Gemeine-Chor vor, dessen Postflut an Gesängen den Waschkorb der Redaktion zum Überlaufen bringen wird". Augenzwinkernd beneidet er "die humanistisch gebildeten Gemeine-Mitglieder, die (auf die Frage nach dem Beginn der Ilias, Anm.) mit "Menin aeide, thea, peleiadeo achileos . . ." antworten können und vielleicht auch noch handschriftlich in griechischer alter Schrift! Unsereiner ist schon froh, wenn er Thea als Göttin entziffern kann und diese ihm nicht nur als . . . Margarine bekannt ist."

Macht, Verrat, Spionage

Auf Deutsch rückt der Zorn mitunter weiter nach hinten, wie Wilfried Schwestka, Wien 10, und Wolfgang Woelk, Gotha/ Deutschland, darlegten. Martha Haubenberger, Randegg/NÖ, nahm die wohl bekannteste deutsche Übertragung zur Hand und zitiert: "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus . . ."

Dies ist, so Alexander Kostka, Wien 20 (der zurzeit seine Altgriechisch-Kenntnisse auffrischt), der "Beginn der genialen deutschen Übersetzung von Johann Heinrich Voß (1751- 1826)." Übrigens: Die angerufene Göttin ist die "Muse des Gesanges, Kalliope".

Im Epos geht es "um Habgier, Macht, Spiel, Verrat, Spionage, Kampf, Gold und Beute. Nicht zu vergessen sind die Sklavinnen", fasst Mag. Foad Mahfoozpour, Wien 11, zusammen. Stoff also, der "das Nachrichtenprogramm jedes heutigen TV- oder Radiosenders" füllen könnte. Protagonisten sind "eine große Zahl von Fürsten, Kriegern, Halbgöttern und Göttern, die fast immer zornig sind und sich in ihrer Ehre gleich verletzt fühlen . . ."

Volkmar Mitterhuber, Baden, analysiert: "Kunstvoll ist die gespannte Fülle der Handlung um das zentrale Thema des Zornes komponiert."

Mittelpunkt der Handlung ist Achill (griech Achilleus, lat. Achilles), der schon Gegenstand der vorigen Zeitreisen-Nummer war. Der Wütende "legt sich sogar mit (dem Gott, Anm.) Apoll an", wie Dr. Margit Saßhofer, Wien 2, erwähnt; einen "Helden" nannte man ihn damals, "heute würden wir vermutlich Draufgänger sagen".

Agamemnon, den Oberbefehlshaber der griechischen Truppen, überschüttet er mit Schimpftiraden. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, gibt eine Kostprobe: "mit Unverschämtheit Geputzter", "Vorteilsbesessener", "schamloser Mensch", "Ehrvergessener" oder "Trunkenbold mit dem hündischen Blick und dem Mut des Hirsches".

Den Grund für diesen ersten Wutausbruch Achills nennt Christine Sigmund, Wien 23: Agamemnon "hatte sich . . . die Tochter des Chryses "angeeignet", die der Vater zurückhaben will". Widerwillig muss der König sie "zurückgeben, was ihn auf die Idee bringt, sich dafür die junge Briseis zu nehmen", die sein Krieger Achilles als Geschenk erhalten hatte. "Achilleus ist mit dieser Ehrverletzung nicht einverstanden . . ."

Im altgriechischen Original (dt. Übersetzung findet sich im Text oben) beginnt die Ilias mit "Menin" (4. Fall von "menis" = Zorn); l. die angerufene Göttin (thea), Muse Kalliope. - © Bild: Archiv. Repro: Iris Friedenberger, Stefan Koch
Im altgriechischen Original (dt. Übersetzung findet sich im Text oben) beginnt die Ilias mit "Menin" (4. Fall von "menis" = Zorn); l. die angerufene Göttin (thea), Muse Kalliope. - © Bild: Archiv. Repro: Iris Friedenberger, Stefan Koch

Eine andere Übertragung fand Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz: "Singe Göttin, den Zorn des Peleussohnes Achilleus - den Verderben bringenden -, der unzählige Schmerzen den Achaiern bereitete, und viele Seelen von starken Helden dem Hades vorwarf, sie selbst aber zur Beute den Hunden und allen Vögeln machte; und so erfüllte sich der Ratschluss des Zeus, von dem an zuerst sich streitend beide entzweiten, der Atreide - der Herr der Männer - und der göttliche Achilleus." Diese ersten sieben Verse sind das "Prooimion", ein einleitender Gesang, so Herbert Beer, Wolfpassing. Und: "Chronologisch rückwärts schreitend wird . . . erzählt, wie es zu diesem Zerwürfnis gekommen ist".

Scheiternde Helden

Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: "Gegenstand ist der bereits zehn Jahre währende . . . Krieg zwischen Troja und der griechischen Allianz der Achaier."

Maria Thiel, Breitenfurt: "Das Werk schildert die entscheidenden 51 Tage der . . . Belagerung Trojas". Klaus-Peter Josef, Tulln: "Auf die Vorgeschichte . . . und den späteren Tod Achills sowie den Fall Trojas wird nur verwiesen."

Dr. Karl Beck, Purkersdorf: "Die Handlung . . . findet auf zwei Ebenen statt. Von oben, vom umwölkten Olymp oder vom Idagebirge (heutige Türkei, Anm.) blicken die Götter auf Troja und das Treiben der Menschen herab."

Dr. Günter Fostel, Wien 18: "Schilderungen von Kämpfen und Waffentaten, wie sie im Helden-Epos traditionell sind, nehmen breiten Raum ein, . . . in der Haupthandlung tritt dieses . . . Männerideal jedoch ganz zurück. Denn gerade dem Scheiternden gilt ein tieferes Interesse: Anstelle des männlichen Heroismus tritt das Menschliche in seiner Tragik".