Die Londoner Paket-Rohrpost auf Schienen (1860er-Jahre). - © Bild: Archiv / Zigaretten-Sammelbild, um 1900. Repro: I. Friedenberger
Die Londoner Paket-Rohrpost auf Schienen (1860er-Jahre). - © Bild: Archiv / Zigaretten-Sammelbild, um 1900. Repro: I. Friedenberger

Komme ich nach Wien, schreibe ich Dir einen Rohrpostbrief", kündigte sich Franz Kafka bei seiner Freundin Milena Jesenská 1920 brieflich an. Oder: "Hast du Donnerstag noch keinen Rohrpostbrief, dann bin ich nach Prag gefahren." Brigitte Schlesinger, Wien 12, fand die Zitate, passend zum Thema einer Spezialnuss rund um ein Kommunikationsmittel, das bei seiner Einführung um die Mitte des 19. Jahrhunderts geradezu utopisch wirkte, bis in die 1930er-Jahre aber aus dem Alltag in den Großstädten nicht mehr wegzudenken war.

Auch Klimt nutzte die mit Luftdruck betriebene "Briefleitung", wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, in Erfahrung brachte: "Bekannt wurden die Briefe bzw. Postkarten von Gustav Klimt an Emilie Flöge, der pro Tag bis zu acht Postkarten an seine Angebetete zum Großteil per Rohrpost verschicken ließ."

Doch in erster Linie war die Rohrpost, nicht zuletzt wegen der relativ hohen Kosten, weniger für die private als für die geschäftliche Nutzung von Bedeutung. Tüftlerin Schlesinger zu den Hintergründen: "Mitte des 19. Jh.s waren die Straßen der Metropolen bereits so verstopft, dass die Briefträger immer wieder auf sich warten ließen. Vor allem Börsenmakler verloren durch verspätete Nachrichten tagtäglich Geld . . . Die Lösung lag im Untergrund." Zwar hatte "bereits 1799 . . . ein Österreicher, der Wiener Matthias Zigizek (auch als Zagizek überliefert, Anm.) die Idee zu einer pneumatischen Post", doch blitzte er damit bei Kaiser Franz II. ab - ein "typisches Wiener Erfinderschicksal"!

Apropos: Den Namen Josef Ressel (1793-1857) bringt Neotüftler DI Gottfried Haubenberger (willkommen in der Gemeine!) ins Spiel: Denn "der Erfinder der Schiffsschraube hatte . . . einen ausgereiften Vorschlag zur Herstellung einer "pneumatischen (atmosphärischen Brief-)Post" gemacht." Aber auch dieses Projekt verlief im Sand.

MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, informiert: "Die erste Rohrpostanlage wurde 1853 in London von Josiah L. Clark gebaut. Die Berliner Stadt-Rohrpost baute Werner von Siemens 1865." In diesem Jahr erhielt auch Paris eine pneumatische Anlage.

Rudolf Freiler, Lembach/Kirchschlag: Das System, das London und Berlin anfangs verwendeten, "war aber nur für kurze Strecken . . . geeignet. Erst durch ein neues System, das vom Österreicher von Felbinger und vom Franzosen Crespin entwickelt wurde, konnten größere Entfernungen überwunden und ein weitverzweigtes Rohrleitungsnetz bedient werden."

Mathilde Lewandowski, Payerbach: In London bestand ab Anfang der 1860er bis etwa Mitte der 1870er-Jahre außerdem "eine mangelhafte Rohrpost für Paketbeförderung" (s. Bild oben).

Die Geburtsstunde der öffentlichen Wiener Stadtrohrpost entnahm Klaus-Peter Josef, Tulln, dem "Kleindel" ("Österreich. Daten zur Geschichte und Kultur" von Walter Kleindel): Im März 1875 wird "eine besonders schnelle Beförderungsart der Briefpost innerhalb Wiens durch ein Rohrleitungssystem zwischen den Postämtern" eingeführt.

Streit um Konzession

Für einige Verwirrung hat die vom Zeitreisenteam formulierte Fragestellung gesorgt: "Welcher Posttransport mit Luft wurde 1873 zunächst für Telegramme eingeführt?" Herbert Ambrozy, Wien 7, fand zwar ein Werk ("Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts", Bd. 1, 1905), das eine "ursprüngliche, 1873 eröffnete Anlage" erwähnt, doch dürfte es sich dabei um einen Irrtum handeln, der da und dort in der Literatur noch Niederschlag findet.

Auf Nachfrage des Zeitreisenteams im Technischen Museum Wien half Mag. Dr. Wolfgang Pensold, Kustos im Sammlungsbereich Information und Kommunikation, die Wurzeln der Wiener Rohrpost zu rekonstruieren: Das Jahr 1873 war v.a. von Konzessionsstreitigkeiten zwischen dem Betreiber eines privaten Stadttelegraphen, Carl Albrecht Mayrhofer, und dem Handelsministerium geprägt. Sie endeten damit, dass ab 1874 eine staatliche Anlage errichtet wurde, bestehend aus einer Rund- und zwei Radiallinien.

Rote Briefkästen

Dkfm. Herbert Wöber, Wien 14: "Die Hauptzentrale der Rohrpost befand sich in der Telegraphenzentralstation am Börseplatz. Eine weitere Zentrale befand sich in unmittelbarer Nähe des Naschmarkts in Gumpendorf, in der Magdalenenstraße 76. Das Rohrpostnetz umfasste 1875 eine Länge von etwa 14km. Die aus Präzisionsstahl gefertigten . . . Rohre waren einen Meter unter den Straßen . . . verlegt und hatten einen Außendurchmesser von 74mm." Anfangs waren zehn Ämter mit den Leitungen verbunden, 1890 gab es schon 28.

Auf die "kleinen rotlackierten Rohrpostbriefkästen", die ab ca. 1880 existierten, weist Peter Sobek, Wien 11, hin: Sie wurden besonders häufig geleert (z.B. um 1890: 6.40h- 20.30h alle 20min; die Zustellung erfolgte unverzüglich per Expressboten). Und: "Die Rohrpostbriefe und Rohrpostkarten, die bestimmte Ausmaße und Gewichte nicht überschreiten durften, wurden in Aluminiumkapseln, "Piston" genannt, mittels Druck- und auch Saugluft befördert . . . Zum Reinigen der Rohre gab es "Putzer", zum Lockern hängengebliebener Pistons den (besonders schweren, Anm.) "Treiber"".