Ottakringer Küche 1961/ 62: Jungköchin Eva Baumgartner mit Mutter. - © privat
Ottakringer Küche 1961/ 62: Jungköchin Eva Baumgartner mit Mutter. - © privat

Zugegeben: nach den Festen rund um Weihnachten und Neujahr ist nicht die beste Zeit, um übers Essen zu reden. Die eine oder andere kulinarische Nachbetrachtung wird nun dennoch serviert, frisch gekocht mit besten Zutaten aus der Gemeine!

Ein Rezept aus ihrer Sammlung verrät DI Eva Baumgartner, Gablitz: "Falscher Hase aus Stein". ½ kg Schulterscherzel salzen, pfeffern, auf beiden Seiten in Schweineschmalz anbraten, aus der Pfanne nehmen, im selben Fett blättrig geschnittenes Wurzelwerk, ½ Zwiebel, 1 Esslöffel (EL) Thymian, 1 Knoblauchzehe rösten, mit Essig ablöschen, ¼ l Rindsuppe und das Fleisch dazugeben, 2½ h zugedeckt dünsten. Das Fleisch in eine Servierschüssel legen. 116 l Rahm mit 1 EL glattem Mehl und 2 EL Wasser verquirlen und über das Wurzelwerk geben, einigemale aufkochen lassen; dann durch ein Sieb drücken und die entstandene Sauce über das Fleisch gießen. - Aber keine Sorge, bei diesem Rezept aus Stein bei Krems an der Donau werden Sie nicht auf Granit beißen!

Doppeladler zum Dessert: Wo abbeißen? - © privat
Doppeladler zum Dessert: Wo abbeißen? - © privat

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Die in Nro. 330 präsentierte Anleitung für "Kastanien-Kugeln oder Würstchen" rief bei Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, süße Jugenderinnerungen wach. Beim Gedanken an Kastanienreis aus Bohnen, einer Süßspeise der Kriegs- und Nachkriegszeit, läuft dem Zeitreisenden heute noch das Wasser im Mund zusammen. Im Kochbuch der Schwiegermutter ("Wiener Küche, Sammlung von Kochrezepten der Bildungsanstalt für Koch- und Haushaltungsschullehrerinnen...", 1925) wurde er fündig: 40dkg Bohnen weichkochen, ausdünsten, passieren, mit 20dkg gesponnenem Zucker einkochen. Nach dem Auskühlen mit 1 Löffel Rum oder Maraschino verrühren - bon appétit!

In einem Werk aus 1581 ("Ein new Kochbuch...", M. Rumpolt) fand der Tüftler einen wertvollen Tipp: Wer als Gastgeber "Lob darvon tragen wil", der bewirte die Diener genauso gut wie die Herren. Denn jene vermögen "viel mehr und weiter/als ire Herrn selbs/zu loben . . . und preisen".

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Ein weiteres Dessert tischt k.u.k.-Kennerin Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, auf, die dem Zeitreisenteam das Foto einer hölzernen Lebkuchenmodel in Gestalt des Doppeladlers schickte. Aufmerksame Leser werden sich erinnern, dass die Backform schon einmal zu genüsslichen Reminiszenzen auf die Monarchie angeregt hatte (s. Nro. 318). Die spiegelverkehrten Initialen auf dem Brustschild lassen darauf schließen, dass das Backwerk die Regentschaft Franz Josephs - für viele Untertanten eine bittere Zeit - etwas versüßen sollte. Bleibt eine Frage: Was hätte man zuerst von so einem Doppeladler abbeißen sollen, ohne die Obrigkeit zu beleidigen: Szepter? Reichsapfel? Einen der Köpfe? Die Kaiserkrone?

Ausgeklaubt & eingekocht von Andrea Reisner