Schönheitsideal in den 1920ern. Bild: Reklame um 1922
Schönheitsideal in den 1920ern. Bild: Reklame um 1922

Wir Menschen von heute können uns die ruhigen Zeiten vor dem traurigen Jahr 1914 sehr schwer vorstellen. Man sprach oder besser munkelte zwar schon jahrelang vom Krieg, aber wenn man die alten Zeitungen und Zeitschriften durchblättert, spürt man, daß trotz der irgendwie beklemmenden Atmosphäre eigentlich niemand die drohende Gefahr so richtig ernst nahm. Man hatte ganz andere Sorgen."

So steht es am 9. August 1934 in der illustrierten Wiener Wochenzeitung "Das interessante Blatt". Spurensucherin Gertrud Pflügler, Kamp/NÖ, schickte die Ausgabe an das Zeitreisenteam, das sich fasziniert der Lektüre hingab. Das Zitat stammt aus dem Gedenkartikel "Vor zwanzig Jahren brach der Weltkrieg aus". Der Text war, laut redaktioneller Notiz, bereits für die Vornummer geplant gewesen, musste aber aufgrund der "erschütternden Ereignisse" der jüngsten Zeit um eine Woche nach hinten verschoben werden. Diese "erschütternden Ereignisse" sind der Putschversuch der Nazis und die Ermordung des Kanzlers Dollfuß am 25. Juli 1934. Das damalige Regime hatte allerdings erst ein halbes Jahr zuvor, im Februar 1934, mit Artillerie auf die Arbeiter geschossen und damit einen verhängnisvollen Weg beschritten - die Spaltung der politischen Kräfte, die für ein freies Österreich standen. Am Ende des Dollfuß-Schuschnigg-Kurses war der Einmarsch der Hitler-Truppen 1938 nicht mehr zu verhindern.

2014 kann man wiederholen: Wir Menschen von heute können uns die Zeiten um das Jahr 1934 sehr schwer vorstellen. Wenn man die alten Zeitungen durchblättert, spürt man, dass trotz der beklemmenden Atmosphäre eigentlich niemand die drohende Gefahr so richtig ernst nahm. Man hatte ganz andere Sorgen . . .

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Übergewicht gehörte während des Ersten Weltkriegs und danach nicht zu den drängenden Problemen der Leute. Im Gegenteil. Statt Hausmannskost standen Spar-Rezepte auf dem Speiseplan. Tipps, wie man mit möglichst wenig über die Runden kam, waren willkommen. "Zwischen 1914 und 1922", heißt es in der von Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, empfohlenen Rezeptsammlung "Ottakring kocht", "wurden die Rückseiten der Fahrscheine mit Rezepten bedruckt . . . Diese waren in der Regel für sechs Personen ausgelegt und umfassten anfänglich auch Preisangaben." Billig waren etwa "Falsche Rahmsuppe von Gerstenmehl" oder "Maismehlsuppe". ("Ottakring kocht", mit diesen und vielen anderen Gerichten, ist gegen eine Spende von 15 in der Kanzlei der Ottakringer Markuskirche erhältlich: Thaliastr. 156; Di 8-13 h, Mi 14-19 h, 01/4865297, kanzlei@markuskirche.com).

Neben günstigen Zutaten wie Erdäpfel und Kraut kamen auch schon industriell erzeugte Produkte zum Einsatz, z.B. Nährhefe mit relativ hohem Nährwert und Vitamin-Gehalt. Eine Reklame aus den 1920ern (s. Ausschnitt u.) warb mit Bonbons, die das Gewicht in einigen Wochen um fünf bis 15 Kilo erhöhen sollten: "Pfund für Pfund nehmen Sie zu, an allen Körperteilen zeigt sich Fettansatz."

Heute klingt das skurril, für die damaligen Verhältnisse spricht es aber Bände. Hervorstehende Knochen und hohle Wangen gemahnten eben zu sehr an den Hunger.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner