Kernobst als Namensgeber. - © Bild: Archiv. Repro: Stefan Koch
Kernobst als Namensgeber. - © Bild: Archiv. Repro: Stefan Koch

Schön sei diese Gasse nicht, eher nützlich. "Streckenweise, etwa auf der Höhe des Consolato Italiano, mit dem Istituto Italiano di Cultura kann man ihr ein gewisses Air nicht absprechen, und doch hat sie nicht zuviel davon, denn spätestens beim Heranrollen des O-Wagens (...) vergißt man ihre Anstrengungen, sich zu nobilitieren, und sie erinnert an ihre ferne Jugend, an die alte Hungargasse, in der die aus Ungarn einreisenden Kaufleute, Pferde-, Ochsen- und Heuhändler hier ihre Herbergen hatten, (...) und so verläuft sie nur, wie es amtlich heißt, "in großem Bogen Richtung Stadt"."

Mit diesen Worten beschrieb Ingeborg Bachmann in ihrem Roman "Malina" (1971) die Ungargasse, Herzstück ihres "Ungargassenlands", das auch die Gemeine in letzter Zeit anzieht.

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Einem recht profanen Kapitel aus der Geschichte dieser Gasse widmet sich DI Dr. Luzian Paula, Wien 3. Vor einem Monat war an dieser Stelle vom Viehtrieb Richtung Ochsengries in der Gegend des heutigen Heumarkts bzw. am Stubentor die Rede. Dazu ergänzt der Tüftler, dass die aus dem Osten kommenden Herden u.a. durch die Ungargasse, einem "uralten Handelsweg", getrieben wurden. Welche Route die Tiere auch nehmen mussten, sie waren jedenfalls - über den Landweg aus Ungarn kommend - "lange genug unterwegs".

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Etwas mehr Air versprühen die berühmten Bewohner der Ungargasse, deren es viele gab, z.B. Ludwig van Beethoven. 1823/24, so Brigitte Schlesinger, Wien 12, wohnte er im Haus Nr. 5, wo der allseits als mürrisch bekannte Maestro seine 9. Symphonie mit der "Ode an die Freude", dem 4. Satz, vollendete. Ganz in der Nähe, an der heutigen Adresse Landstraßer Hauptstraße 31, befand sich der Gasthof "Zur goldenen Birne", bekannt "für seine gediegene Küche und die gepflegten Weine". Klar, dass auch Beethoven "vornehmlich hier anzutreffen" war. "Für etwaige Besucher hinterließ er . . . Zettel an seiner Wohnungstür mit der Nachricht: "Kommen S’ nach, ich bin in der Birn.""

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In der "Birn" fanden aber nicht nur lukullische Zusammenkünfte statt. Auch traurige Szenen spielten sich im legendären Lokal ab, das in der Nuss Nro. 334 prominent vertreten war und in dieser Zeitreisen-Ausgabe auf S. III auftaucht. Wie Dr. Manfred Kremser, Wien 18, berichtet, endete dort die Geschichte vom griechischen Freiheitskämpfer Alexander Ypsilanti(s) (1792-1828), "der nach misslungenem Kampf . . . von den Österreichern auf der Flucht" gefangen genommen worden war. Erst "nach Apellen von Lord Byron und anderen" ließ man ihn frei. Er stieg "in Wien nahe dem Palais Rasumofsky" ab. Und wo? "Natürlich in der Birn", wo er, ein knappes Jahr nach seiner Freilassung, starb. Doch Ypsilantis Reise war damit noch lange nicht zu Ende. Seine erste letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof St. Marx. Ab 1906 ruhten seine Gebeine in einem Mausoleum im Park des Schlosses Rappoltenkirchen bei Sieghartskirchen, bevor sie 1964 nach Thessaloniki überstellt wurden.

Das letzte Stündlein der "Goldenen Birne" schlug in den 1930er-Jahren. Mehr zu diesem Gasthof, der auch mit Robert Musil in Verbindung steht, folgt in einem Monat!

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner

Die Birne und andere Lesefrüchte