In welchem Alter schreiben Zeitungsleute am ehesten mit ihrem Herzblut?

Der Cicerone des Geschichtsfeuilletons ist felsenfest überzeugt: Etwa 30 muss ein Journalist, eine Journalistin sein, um für eine gute Sache Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen. In diesem Lebensabschnitt ist man schon erfahren, droht aber noch nicht in Routine zu verfallen.

Als Kind der Zunft mit 40 Redakteursjahren bei drei Tagblättern, davon bei der "Wiener Zeitung" über ein Vierteljahrhundert, wertet der Zeitreisenschreiber wohl subjektiv (und freut sich bis heute über Sozialreportagen, die er als Fast-Dreißiger wie im Fieber tippte, um Notleidenden Hilfe zu verschaffen). Völlig subjektiv kann’s freilich nicht sein, kennt doch die Historie der 1703 als "Wiennerisches Diarium" gegründeten "WZ" einen Blattmacher, der mit 30 Lenzen einen publizistischen Markstein setzte.

Enthusiastische Nationalversammlung . - R.: Allegorie der Revolution. - © Quelle: W. Blos, Die Französische Revolution, Stuttgart 1889/Archiv
Enthusiastische Nationalversammlung . - R.: Allegorie der Revolution. - © Quelle: W. Blos, Die Französische Revolution, Stuttgart 1889/Archiv

Anfang September 1789 stand dieser 1759 geborene (Chef-)Redakteur der "Wiener Zeitung" vor einer großen Entscheidung. Lang erwartete Zeilen aus Frankreich (die Post Paris-Wien brauchte über eine Woche) waren eingetroffen. Die Nationalversammlung hatte bis zum 24. August 1789 Artikel I bis XII der Deklaration beschlossen, die in die Weltgeschichte einging - die Erklärung der Menschenrechte (die restlichen Artikel XIII bis XVII verabschiedete man erst zwei Tage später).

Freiheitsbaum - Symbol im Kampf fürs Recht aller (1790). - © Archiv
Freiheitsbaum - Symbol im Kampf fürs Recht aller (1790). - © Archiv

Der den Ideen der Aufklärung und der Demokratie verbundene, hochgebildete "WZ"-Chef wusste sofort um Bedeutung wie um Sprengkraft des Textes.

Durch Kontakte zu hohen Beamten wusste er zweifellos noch mehr. In den k.k. Landen drehte sich der politische Wind. Joseph II., der Fortschritt wie Absolutismus gleichermaßen verfechten wollte, stieß an die Grenzen dieser Polit-Mixtur. Auf erste Berichte über die Französische Revolution, über den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, hatte der Monarch verhalten reagiert; der Kaiser geriet in Zwiespalt. Dann siegte über den progressiven Politiker langsam der absolute Herrscher, der Throne wanken sah...

Just in diesen Tagen des Umschwenkens am Wiener Hof platzte nun die Depesche aus Paris herein!

In der vom sprachgewandten Blattmacher der "Wiener Zeitung" sogleich aus dem Französischen übersetzten neuen Staatsdoktrin an der Seine hieß es schon im ersten Satz von Artikel I: Alle Menschen sind frey geboren (...).

Ebenso ließen die anderen Artikel aufhorchen. So wurde etwa verkündet: Der Grund aller Souverainität ist in der Nazion (Art. III). Oder: Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens (Art. VI).

Eines fand man in der Deklaration (auch im später beschlossenen Teil) nicht - einen absoluten Regenten.

Taktisch klug im Sinne der Absicherung seines Chefpostens wäre es für den "WZ"-Redakteur also gewesen, diese heikle Menschenrechts-Materie lediglich in stark gekürzter Form abzudrucken. Indirekte Rede statt direkter Wiedergabe hätte gleichfalls in dieses Schema gepasst.

Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, dass unser Blatt von der unter Joseph II. zeitweise weitgehenden Pressefreiheit ausgenommen war. Die "Wiener Zeitung" hatte vor allem im Inlandsteil Funktionen für den Staat zu erfüllen. Allerdings hatte sich die Redaktion im Auslandsteil durch breite Berichterstattung einen gewissen Freiraum schaffen können.

Dem Mann an der Spitze der wichtigsten Gazette des k.k. Imperiums ging es um die Idee der Demokratie, nicht um seine Karriere. Er wollte ohne Rücksicht auf persönliche Risken alle Möglichkeiten ausschöpfen, um die Deklaration voll zu publizieren. Aber wie? Eine Sonderbeilage hätte die Hofburg wohl verhindert, detto deutliche graphische Hervorhebung. Schnell handeln hieß, den Text wo immer einzuschieben, auch "versteckt". Man würde ihn in dem bis ins letzte Eck der Monarchie verbreiteten Blatt schon finden! So geschah es.

In der "WZ" taucht am 9. September 1789 auf der 4. Seite die unscheinbare Rubrik Ausländische Begebenheiten samt Zusatz Frankreich auf. Zu lesen ist Chronologie ab der Sitzung der Nationalversammlung am 17. Aug., fortgesetzt auf der 5. Seite mit neuen Sitzungen. Wie beiläufig folgt der Beschluss zum Hauptteil der Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers mit Art. I bis XII, der auch die 6. Seite füllt. Am 16. September liefert die "WZ" Art. XIII bis XVII nach. Wieder schlicht, wieder vollständig.

Ein Husarenstück. Der Husar: Der Sonnenfels-Schüler und Journalist Conrad Dominik Bartsch - 1782ff "WZ"-Chef, 1794 der Verhaftung als Demokrat entgangen, später Berufsverbot durch Kaiser Franz, 1811ff wieder "WZ"-Chef, 1815 von Metternich enthoben, dann "WZ"-Mitarbeiter, 1817 Tod.

Conrad Dominik Bartsch wagte viel im Wirken für die Freiheit. Er hat es verdient, unvergessen zu bleiben.

Kopfnuss: Wann war Joseph II. in Frankreich? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)