Können diese Augen lügen? Stefan Zannowich. - © Archiv. Repro: Iris Friedenberger
Können diese Augen lügen? Stefan Zannowich. - © Archiv. Repro: Iris Friedenberger

Stefan Zannowich war ein Gauner, sicher. Aber ein sympathischer. Der "Held" der Februar-Zeitreisen ("Warum das Traumschiff kenterte") prellte das niederländische Handelshaus Chomel und Jordan um ein Vermögen. Empfehlungen von höchsten Stellen sowie ein angeblich gesunkenes Schiff, das es nie gab, sind die Hauptingredienzien des Coups, von dem unser Blatt schon 1785 berichtete. Doch wer war der Kerl, der halb Europa um den Finger wickelte? Und wie ging es mit ihm weiter?

Dank Tüftler Richter i.R. Mag. Peter Michael Rath, Wien 7, muss dies nun für die Gemeine nicht im Dunkeln bleiben. Der Zeitreisende verweist auf den Roman "Alle meine Brüder" von Milo Dor (1923-2005), der Zannowichs Leben aus Sicht des jüngsten Bruders schildert. Das Buch (1978; neu ediert 2014, Löcker) ist zwar Fiktion, basiert aber auf historischen Dokumenten. Und über die vier Söhne eines kleinadligen Falschspielers aus dem venezianischen Albanien gibt es etliche Akten in den Archiven vieler Länder. So verarbeitete Dor, nach eigenen Angaben, Wiener Polizeiberichte, die zwar 1927 im Justizpalast verbrannten, zum Glück aber von einem kroatischen Forscher zuvor abgeschrieben worden waren.

Der Name Zannowich (auch Zanović etc.) taucht übrigens in einem weiteren literarischen Werk auf. In Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" (1929) heißt ein Kapitel "Belehrung durch das Beispiel des Zannowich" (im 1. Buch). Hauptfigur Franz Biberkopf bekommt den abenteuerlichen Werdegang des charmanten Hochstaplers erzählt, der "zu allen Herzen den Schlüssel" hatte und dem auch höchste Persönlichkeiten gern abkauften, dass er sich z.B. "Prince d’Albanie" nannte. Der Bluffer nimmt 1786, mit ca. 35 Jahren, ein trauriges Ende im Amsterdamer Kerker, "wo er sich selbst die Adern geöffnet hat", der Henker "hat ihn aufgeladen (...) und ihn hingeworfen am Galgen draußen und Müll (...) über ihn geschüttet."

In Dors Roman bricht der kleine Bruder auf, um Näheres über Stefans Tod zu erfahren, in der Hoffnung, es wäre wieder einer seiner grandiosen Tricks. Und wirklich, sogar auf dem Porträt, das die Zeitreisen auftreiben konnten, zwinkert einen der Schelm noch an.

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Ein zum Tode Verurteilter wird aufgeknüpft, die "Leiche" landet auf dem Tisch der Anatomen - und schlägt, bevor das Messer zum Schneiden kommt, die Augen auf. Der Mann, der den Galgen überlebte, kann ins Ausland fliehen. So das Grundgerüst einer Geschichte, die Thema in Nro. 344 (S. V) war. Konnte die Geschichte aus Alt-Wien stimmen?

Spurensucherin Mag. Ingeborg Lechner, Wien 2, ist skeptisch, hatte sie doch von der Begebenheit schon einmal gehört - allerdings aus London. Der Journalist und Autor Henry V. Morton (1892-1979) berichtete von einem Besuch in der Zunfthalle der "Worshipful Company of Barbers" (barber: hier Bader, der auch Operationen vornahm). Dabei wird Morton die schaurige Anekdote aufgetischt. Wohl ein Indiz, vermutet die Tüftlerin, dass es sich um eine "Wandergeschichte" handelt, eine moderne Legende, die in Variationen an verschiedenen Orten auftaucht. Ob es je einen solchen Fall gab, bleibt unklar. Aber wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner

Das Märchen vom Prince d’Albanie