Die Wagen der elektrischen Straßenbahn sind mit Fahnen und grünen Girlanden geschmückt . . . Um 5 Uhr fand ein Konzert im Nationaltheater statt; zum Schlusse sang das ganze Publikum stehend: Ja, wir lieben dieses Land" - so lautet die erste Zeile der norwegischen Nationalhymne. Brigitte Schlesinger, Wien 12, zitierte zur Einstimmung auf die Orchidee der Nro. 346 diesen Zeitungsbericht zur norwegischen Volksabstimmung vom 13. August 1905, die dem Land endgültig die Loslösung von Schweden brachte (zur Vorgeschichte siehe auch gegenüberliegende Seite.)

Die Flagge Norwegens. - © Archiv; Repro: Iris Friedenberger
Die Flagge Norwegens. - © Archiv; Repro: Iris Friedenberger

DI Wolfgang Klein, Wien 21: Damit wurde Norwegen "nach 91 Jahren Union mit Schweden ein unabhängiges Königreich!" Den ersten Regenten nennt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: Prinz Carl von Dänemark wurde "am 18. November König Haakon VII. von Norwegen".

Mit seinem Herrschernamen knüpfte Haakon VII. ans 14. Jh. an. Christine Sigmund, Wien 23: Håkon VI. war jener norwegisch-schwedische König, der 1363 die dänische Prinzessin (und spätere Regentin) Margarete heiratete und damit den Grundstein für die Kalmarer Union zwischen Schweden, Norwegen und Dänemark legte. Es gab aber auch schon früher ein skandinavisches Großreich, wie Mag. Ingeborg Lechner, Wien 2, recherchierte: "Die erste erfolgreiche Union war das kurzlebige Nordische Imperium König Knuts des Großen", der im 11. Jh. England, Norwegen, Dänemark und Teile Schwedens beherrschte.

Zurück zu 1905. Eingangs erwähnte Tüftlerin Schlesinger zur Stimmung in der jungen Nation: Norwegen musste "offenbar erst einmal durch eine Phase nationaler Euphorie". Man strebte Gebietserweiterungen an: "So plädierten viele Norweger in den 1920er-Jahren für die Einverleibung . . . Grönlands" und diverser Inseln. "Wie zu erwarten war, stießen solche Großmachtträume auf Widerstand bei den Nachbarn."

Nordischer Archipel

Verhandlungen über Trennung Norwegens und Schwedens; Haakon VII., ab 1905 König des eigenständigen Norwegen. - © Bilder: Ullsteins Weltgeschichte, Berlin 1925; Repro: I. Friedenberger
Verhandlungen über Trennung Norwegens und Schwedens; Haakon VII., ab 1905 König des eigenständigen Norwegen. - © Bilder: Ullsteins Weltgeschichte, Berlin 1925; Repro: I. Friedenberger

Der Spitzbergenvertrag, ein internationales Abkommen aus dem Jahr 1920, brachte Norwegen einen Erfolg. Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram: Es "erlangte . . . Souveränität über Spitzbergen (norweg. Svalbard, Anm.) mit seinen über 400 Inseln und Schären" östlich von Grönland.

Zu den Vertragsbedingungen erläutert Dr. Günter Fostel, Wien 18: Alle Signatarmächte "erhielten das Recht des Kohleabbaus, der Jagd und der Fischerei, von dem jedoch nur Russland (Signatar ab 1935, Anm.) Gebrauch macht." Hermann Holubetz: "Weil Spitzbergen gemäß . . . Vertrag demilitarisierte Zone ist", darf es nicht militärisch genutzt werden.

Auch die zwischen dem Archipel und Norwegen gelegene Bäreninsel wurde dem Königreich zugeschlagen, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf. Das karge Eiland galt ebenso wie Svalbard "bis zur Unterzeichnung des Spitzbergenvertrags . . . als Niemandsland."

Über die Grenzverläufe sind sich die Anrainerstaaten nicht überall einig, merkt Ing. Mag. Hermann Schuster, Baden, an. So gab es zum Beispiel "Auseinandersetzungen zwischen . . . Norwegen und Russland" den "Bereich der Barentssee" östlich von Spitzbergen betreffend.

Apropos Grenzen. Zur Aufteilung der Arktis informiert Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "In der ersten Hälfte des 20. Jh.s hatte sich im Vökerrecht die Theorie entwickelt, wonach das (Nord-)Polargebiet unter den angrenzenden Staaten nach dem Verhältnis ihrer Polargrenzen in Sektoren" zu gliedern wäre. "Ausgangspunkt waren die dort herrschenden harschen klimatischen Bedingungen." Diese machten "zumindest damals . . . eine ansonsten für die völkerrechtliche Gültigkeit einer Annexion maßgebliche effektive Okkupation (z.B. Niederlassung, Aufbau einer Verwaltung) . . . unmöglich." Und zwar wegen der "besonderen, jede Besiedlung ausschließenden Natur" dieser Gebiete, zitiert Tüftler Dr. Komaz aus der "Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht" (1931).

Rivale Dänemark

Spitzbergen zwischen Grönland und Franz-Joseph-Land sowie Bäreninsel (1) und Jan Mayen (2). - © Karte: Meyers Kl. Konv.-Lex. 1909; Repro: Philipp Aufner
Spitzbergen zwischen Grönland und Franz-Joseph-Land sowie Bäreninsel (1) und Jan Mayen (2). - © Karte: Meyers Kl. Konv.-Lex. 1909; Repro: Philipp Aufner

Anfang der 1920er warf Norwegen auch begehrliche Blicke auf Grönland, die größte Insel im Nordmeer. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: Es erhob Anspruch "auf dessen Ostküste unter Hinweis auf uralte Rechte (noch aus der Zeit des mittelalterlichen Königreichs)".

Dr. Rüdiger Wallner, Wien 13: "Als Dänemark 1921 seine Oberhoheit über Grönland erklärte, behauptete man auf norwegischer Seite, dass gemäß dem . . . Frieden von Kiel (1814, Anm.) die dänische Hoheit nur für die wirtschaftlich erschlossenen Gebiete in Westgrönland gelte . . . 1930 begannen norwegische Fischer mit dem Wohlwollen ihrer Regierung mit der Besetzung der Ostküste Grönlands, sodass 1931 eine Teilung der Insel drohte".

Dr. Wilhelm R. Baier, Graz-Andritz: "1933 gab Norwegen nach einem Schiedsspruch des Ständigen Internationalen Gerichtshofes in Den Haag seine Ansprüche . . . endgültig . . . auf." Grönland gehört heute zu Dänemark.

Zehn Jahre nach Spitzbergen kam die Insel Jan Mayen zu Norwegen. Manfred Höbart, Wien 15, nennt das genaue Datum: "27. Februar 1930".