Als einen "Alptraum der Kartographen" bezeichnet Mag. Hermann Hayn, Ma. Enzersdorf, die Konstellation des Heiligen Römischen Reiches (HRR) und gibt ihm auch sogleich den Spitznamen "Heiliges Römisches Durcheinander Deutscher Nation".

Durch dieses Chaos kämpften sich besonders wackere Tüftler anlässlich der Kartennuss aus Nro. 346. Vorab liefert Spezialnussknacker Mag. Hayn Überlegungen zur Komplexität der Materie im ausgehenden 18. Jh.: Es gab bereits moderne Flächenstaaten, "das Reich aber war, wie im Mittelalter, als Personenverbandsstaat konzipiert, d.h. sein Aufbau erklärte sich . . . noch nach der berühmten Lehenspyramide" mit der persönlichen Abhängigkeit der Untertanen vom Lehnherren.

Auch Rudolf Freiler, Kirchschlag, merkt an: "Man hat . . . ein falsches Bild . . ., da wir heute in einem durchorganisierten Staat mit festen Grenzen leben". Doch das HRR war "ein Lehnstaat, dessen einzelne Glieder oft nur nominell mit dem Reich verbunden waren (z.B. Böhmen)".

Zeitreisender Freiler führt außerdem auf einen superben Nebenpfad: In der eingeschnittenen Skizze zur Schlacht von Kolin 1757 (ca. 60km östlich von Prag, Anm.) entdeckte er die Gaststätte "Goldene Sonne". Dies sei die Gastwirtschaft, "von deren Dachboden Friedrich II. (von Preußen, Anm.) am Vortag der Schlacht die Stellungen der Österreicher entdeckte". Was ihm aber nicht zum Sieg verhalf.

Auch Hamburg war "Freie Stadt" und hatte im späten 18. Jh. eigene Bürgerwehr. - © Bild aus Dt. Kulturbilder, Cigaretten-Bilderdienst, 1934
Auch Hamburg war "Freie Stadt" und hatte im späten 18. Jh. eigene Bürgerwehr. - © Bild aus Dt. Kulturbilder, Cigaretten-Bilderdienst, 1934

Krone ohne Erben

Apropos Böhmen: Dies war das in der Nuss gesuchte einzige Königreich im HRR. Mathilde Lewandowski, Payerbach, mit geschichtlichem Rückblick: "1198 erhielten die Herzöge von Böhmen endgültig den Königsrang". Die Habsburger stellten ab 1526 die Herrscher für dieses Gebiet und "Ferdinand I. erklärte Böhmen 1547 zum Erbreich". Herbert Fritz, Pettendorf/ NÖ, erwähnt ein erstes königliches Intermezzo: "1086 in Mainz erhält Vratislav (II., danach als König I., Anm.) auf der Reichsversammlung die Königswürde". Dr. Josef Litschauer, Wien 10, dazu: "Ähnliches wiederholte sich für Vratislavs Enkel . . . Wieder aber gab es keine päpstliche Genehmigung . . ., der Königstitel blieb ein rein persönlicher . . . Böhmen wurde . . . staatsrechtlich nicht zum Königreich" - noch nicht.

An dieser Stelle ist ein kleiner Überblick zur Geschichte des "Heiligen Römischen Reiches" angebracht, das genau genommen erst ab dem 12. Jh. "heilig" ist und ab dem 15. Jh. den Zusatz "Deutscher Nation" erhält.

Seit der Krönung Ottos I. zum Kaiser 962 wurde das deutsch-italienische Staatsgebiet als "das Reich" bezeichnet. Von seinem Ende berichtet Gerhard Toifl, Wien 17: "Der römisch-deutsche Kaiser Franz II. schuf 1804 als Reaktion auf die bevorstehende Krönung Napoleons I. zum französischen Kaiser . . . eigenmächtig die österreichische Kaiserwürde." Er regierte "als Franz I." und erklärte das Reich "1806 als aufgelöst".

Datierungs-Puzzle

Gleich vorweg ein "Chapeau!" für die zeitliche Einordnung der Karte. Die Gemeine tastete sich gekonnt an die richtige Jahreszahl heran. So vermutete Mag. Gerda Silvestri, Wien 6: "Etwa 1791". Klaus-Peter Josef, Tulln, traf den Nagel sogar genau auf den Kopf: Im "Brockhaus (1988) fand ich eine Europa-Karte mit nahezu farblich identischem "Fleckerl-Teppich"" und Jahresangabe: 1789.

Diese politische Situation bildete auch die Karte in Nro. 346 ab - größtenteils zumindest. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, hält fest, dass der Atlas, der als Quelle diente, "aus späterer Zeit" stammen muss. Begründung: "Einerseits zeigt die . . . eingezeichnete kleine Karte die Truppenaufstellung der Schlacht von Aspern, die 1809 stattfand; andererseits spricht . . . der in Kilometern angegebene Maßstab für einen noch späteren Zeitpunkt (internationale Meterkonvention 1875)". Korrekt: Die Karte ist dem "Historisch-geographischen Schul-Atlas der alten Welt, des Mittelalters und der Neuzeit" (1899) aus dem Wiener Verlag Ed. Hölzel entnommen.

Mit Adleraugen stellte Herbert Peherstorfer, Wien 3, eine Ungenauigkeit in der abgedruckten Karte fest, die die Schweiz als politische Einheit zeigt: "Meines Wissens nach trat Genf erst 1815 der Eidgenossenschaft bei, Neuchâtel/Neuenburg (endgültig, Anm.) sogar erst 1848, es gehörte davor zum entfernten Preußen!" Tatsächlich werden z.B. im "Historischen Weltatlas" von Friedrich Wilhelm Putzger in einer ähnlichen Darstellung beide genannten Städte mit Sonderstatus ausgewiesen.

Spezialtüftler Peherstorfer fragt weiters, ob es stimmt, dass "der gesamte Bodensee" außerhalb der Grenze des HRR lag. Eine knifflige Frage! Man weiß auch nicht, ob der 1804 begründete österreichische Staat einen Anteil hatte. Dazu stellte der Oberste Gerichtshof 1998 fest: "Die hoheitsrechtliche Grenze des Kaisertums Österreich im Bodensee ist nicht feststellbar, weil dazu vor allem unterschiedliche und auch wechselnde Rechtsstandpunkte der Uferstaaten vorlagen und vorliegen."