Ein Gutachten Adalbert Stifters, mit dem er sich 1849 gegen die Errichtung einer oberösterreichischen Hochschule aussprach, war Gegenstand der vorigen Zeitreisen. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, hatte dazu ausführlich recherchiert und den Zeitreisen u.a. eine Kopie der Stellungnahme Stifters zur Verfügung gestellt. Aus Platzmangel konnte das Geschichtsfeuilleton im Oktober nur kursorisch auf diese wenig bekannte Facette von Stifters pädagogischem Wirken eingehen. Nicht zuletzt aufgrund des Interesses, das die Gemeine bekundete, sei eine tiefergehende Auseinandersetzung hiermit nachgeholt.

Stifters "Begutachtung des Vorschlages in Oberösterreich (...) eine Universität zu gründen" (wobei sowohl Linz als auch Salzburg, das damals zum Land ob der Enns gehörte, ins Auge gefasst wurden) datiert vom April 1849 und ist vermutlich eine von mehreren Stellungnahmen, die zu dieser Frage eingeholt wurden. Genaueres ist nicht bekannt, weil die Akten einer Skartierung zum Opfer fielen, also vernichtet wurden - mit Ausnahme des handschriftlichen Textes von Stifter, der in private Hände kam. In gedruckter Form erschien er in der Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Instituts des Landes Oberösterreich (Jahrgang 8, 1959, S. 78ff). Inwieweit Stifters Einschätzung die Behörden in ihrer Entscheidung beeinflusste, kann man nicht feststellen. Fakt ist, dass Linz erst 1966 eine Hochschule erhielt (per Gesetz von 1962).

Lasterhafte Doktoren

Das Jahr 1848 löste bei Stifter gemischte Gefühle aus. - © Bild: Archiv. Repro: I. Friedenberger
Das Jahr 1848 löste bei Stifter gemischte Gefühle aus. - © Bild: Archiv. Repro: I. Friedenberger

Stifter baut sein Gutachten über die geplante Hochschule, deren Schwerpunkt auf juridischen und medizinischen Studien liegen soll, auf drei grundsätzlichen Fragen auf.

Zunächst interessiert ihn, ob die Lehranstalt "ein Bedürfniß für menschliche Bildung" sei, also zur "Entwicklung seiner Vernunft" beitrage. Diese werde durch die "humanistischen Wissenschaften" direkt, durch Fachwissenschaften wie Medizin und Jus aber nur indirekt (bzw. in Verbindung mit den humanistischen Wissenschaften) gefördert. "Es kann ausgezeichnete Juristen oder Ärzte geben, die doch rohe ja lasterhafte Menschen sein können", so Stifter. Zur Förderung der menschlichen Bildung würde eine humanistische Schule demnach mehr beitragen als eine Universität.

Als nächstes bringt Stifter die Frage aufs Tapet, ob die veranschlagte Hochschule "ein Bedürfniß für die Hebung der Wissenschaft" sei, ob sie also die Qualität der Forschung zu steigern vermag. Dies sei jedoch nicht der Fall, "wenn es sehr viele gibt, die sie (eine Wissenschaft, Anm.) inne haben, sie wird dadurch nur ausgebreitet."

Es seien zudem nicht die Universitäten, die Forscher hervorbringen. Sie böten lediglich die nötigen Rahmenbedingungen, indem sie z.B. für den Unterhalt des Forschers sorgen. Dieser "muss sich selber bilden, (...) unterstützt wird er nicht allein von der Universität, sondern von der Schule überhaupt". Das wissenschaftliche Genie werde aber nur dort angeregt, "wo die tüchtigsten Lehrer und ausgebreitetsten Behelfe sind". Gerade dazu wären die veranschlagten Mittel (Stifter erwähnt einen Studienfonds von 700.000 Gulden) aber zu gering.

"Anstalten von kleinerem Umfange und Mitteln", zu denen die geplante Uni zählen würde, brächten nur Fachmänner hervor, "die die Wissenschaft zu irgend einer Ausübung lernen". Damit kommt Stifter zur dritten Frage: "Sind die aus ihr hervorgehenden Fachmänner Bedürfniß des Landes?" Braucht man also weitere Ärzte oder Juristen?

Eben diese Studien seien überfüllt, so Stifter, "indeß die wissenschaftliche und humanistische Ausbildung des mittleren Bürgerstandes fast unbeachtet blieb." Die nötige Anzahl an Medizinern und Juristen sei unentbehrlich, "aber was darüber ist, (...) kann unermeßlich schädlich werden und ist es im Verlaufe der Geschichte geworden."

Brotlose Akademiker

"Die Fachmänner, vorzüglich Juristen und Mediziner, welche durch ihre Wissenschaft kein Brod fanden, (...) wurden meistens Schriftsteller, ohne die zu diesem Stande nöthige tiefere Bildung zu besitzen". Als literarisches Proletariat würden sie in Revolutionen das verführbare Volk mit Zeitungsartikeln zu überzogenen Forderungen anstiften. Da es in Oberösterreich mehr als genug Ärzte und Juristen gäbe, wäre es für den Staat geradezu gefährlich, eine Universität zu gründen.

Zum Schluss unterstreicht Stifter, dass "Schulen für den mittleren und auch höheren Bürger ferner für den höheren Bauer ein weit näheres Bedürfniß, als eine Universität" seien. Als "großes Glück" wertet er es, wenn "es in einem Staate sehr viele Menschen gibt, die eine (...) große Anzahl von Wissenschaften inne haben, ohne geradezu von ihrer Ausübung leben zu müssen", besonders dann, wenn sie "mit humanistischer Ausbildung verbunden" sind. Kurz gesagt: Für eine stabile Gesellschaft ist die Allgemeinbildung breiter Bevölkerungsschichten wichtiger als eine berufsbezogene akademische Ausbildung kleinerer Gruppen.