Der Vorleser Karl Kraus in Fahrt. - © Bild: Screenshot wienbibliothek.at
Der Vorleser Karl Kraus in Fahrt. - © Bild: Screenshot wienbibliothek.at

Die geballte Faust bebt, das "r" rollt wie Donnergrollen über die Lippen, die Stimme schwillt zum zornigen Singsang, bis sie zu brechen droht - Karl Kraus (1874-1936) auf der Bühne zu erleben, wenn er sich vor vollen Vortragssälen und Konzerthallen in Rage las, faszinierte viele Zeitgenossen.

So erinnerte sich der Komponist Ernst Krenek (1900-1991) an eine Darbietung im Wiener Konzerthaus 1919: "Kraus hatte die (...) Fähigkeit, seine Stimme auf so (...) verblüffende Weise zu modulieren, daß er mühelos die Illusion von fünf oder sechs Personen (...) hervorrufen konnte". Und "gelegentlich erhob er sich zu einem Aufschrei, der den Hörern kalte Schauer über den Rücken jagte."

Was bei solchen Veranstaltungen konkret auf dem Programm stand, kann man in der digitalen Sammlung der Wienbibliothek im Rathaus nachlesen. Die Institution besitzt ein umfangreiches Kraus-Archiv; manches daraus, so die Vorlesungsprogramme, ist online zugänglich (www.digital.wienbibliothek.at).

Auf einem weiteren Internet-Portal, das in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie entstand, sind überdies Ton- und einige Filmaufnahmen abrufbar. Die Präsentation, die sich nicht als abgeschlossen versteht, stellt vor allem Kraus’ Vernetzung im Kulturbetrieb dar.

www.kraus.wienbibliothek.at

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So erfährt man u.a., dass der große "WZ"-Chef Friedrich Uhl (1825-1906) in Kraus’ Augen einst durchaus Brauchbares über die Offenbach-Operette "Die Schwätzerin von Saragossa" in unserem Blatt publizierte: "Ein Zeitungsausschnitt", so Kraus, "unvergilbt, aus der Zeit, die besseren Text auf besserem Papier hatte, vermutlich aus der "Wiener Zeitung" und vom Ende des Jahres 1859, enthält ein sechsspaltiges Feuilleton des ehedem berühmten Wiener Kritikers Friedrich Uhl, des späteren Schwiegervaters Strindbergs, (...) der, ehe er selbst geschwätzig wurde, manche wertvolle Beobachtung dem Theaterwesen abgewonnen hat."

Für Kraus’ Verhältnisse ist dies schon ein überschwengliches Lob. Denn der Wortgewaltige kannte keine Gnade, wenn es um Kritik an der Presse ging.

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Wer austeilt, muss auch einstecken können. Vom ersten Erscheinen 1899 an reizte der Publizist mit seiner Zeitschrift "Die Fackel" (vollständig digitalisiert unter aac.ac.at/fackel) zu wütendem Widerspruch. In Nr. 9, am Ende des ersten Quartals, zog Kraus Bilanz: Anonyme Schmähbriefe: 236. Anonyme Drohbriefe: 83. Überfälle: 1.

Die schriftlichen Attacken parierte Kraus mit einer trockenen Bitte in Heft Nr. 20: "Die Absender anonymer Schmähbriefe werden ersucht, sich noch kürzer zu fassen."

Der tätliche Angriff kam vor Gericht. Über die Verhandlung informierte die "Wiener Zeitung" am 27. Mai 1899: "In der Nacht vom 10. auf den 11. d. M. hat Herr Oskar Friedmann (...) Herrn Karl Kraus im "Café Impérial" geschlagen", und zwar "in Folge einer von Herrn Kraus an dem Friedmann’ schen Drama "Das Dreieck" geübten Kritik".

Der geschmähte Literat wurde wegen leichter Körperverletzung zu einer Arreststrafe von zehn Tagen verurteilt.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner