Leser des "Kinderfreundes": Heinrich Joseph von Collin (1771-1811). - © Bild: "Anthologie...", 1843. Repro/Farbbearbeitung: Iris Friedenberger
Leser des "Kinderfreundes": Heinrich Joseph von Collin (1771-1811). - © Bild: "Anthologie...", 1843. Repro/Farbbearbeitung: Iris Friedenberger

Ein Bücherschrank, der in das Zimmer des kleinen Heinrich Joseph gestellt wurde, weil in der elterlichen Bibliothek kein Platz mehr war, fachte die Neugierde des Buben an. Um sich Zugang zum versperrten Wissensschrein zu verschaffen, zerbrach er das Glas und las heimlich, was er aus dem Kasten herausangeln konnte.

So steht es in einer Vita des Dichters Heinrich Joseph Collin (1771-1811). Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, promovierte zu diesem heute fast vergessenen Wiener Literaten. Als er die Hauptgeschichte der Zeitreisen Nro. 356 über die aufklärerische Jugendzeitschrift "Kinderfreund", herausgegeben von C. F. Weiße in Leipzig, las, fiel ihm ein, dass diese Publikation auch in Collins Werdegang eine wichtige Rolle spielte. Dr. Jungmayer zitiert aus der Biographie, postum verfasst von Heinrichs Bruder Matthäus, zu Weißes "Kinderfreund": "Der Vater hielt . . . dieses Buch seinem Erziehungsplane dienlich, und es wurden sogar mehrere der darin befindlichen kleinen Schauspiele in der Familie aufgeführt, wobey Heinrich . . . für sein Alter mit Auszeichnung spielte" - womöglich wegweisend für den späteren Verfasser von Dramen, u.a. "Coriolan", zu dem Beethoven eine Ouvertüre komponierte. Aus einer weiteren Vertonung Beethovens (es ging um Collins Stück "Bradamante") sollte übrigens nichts werden, weil der Tonsetzer Änderungen am Text wünschte. Daraufhin sah sich der wütende Dichter nach einem anderen Komponisten, J. F. Reichardt, um. "Großer erzürnter Poet!!! !!!", begann Beethoven einen Brief an Collin, "Laßen Sie den Reichardt fahren . . . nehmen Sie zu Ihrer Poesie meine Noten". Doch der Literat blieb stur und so kam es, dass er mit dem berühmten Beethoven nur ein Projekt verwirklichte.

Zurück zu Collins Kinderstube. Bemerkenswert ist, dass man den "Kinderfreund" dort schon vor 1780 las, zu einer Zeit, in der Werke aus nichtkatholischen Landen (und der "Kinderfreund" gehörte dazu) eher nicht erwünscht waren. Trotzdem fand das Blatt in manche gebildete Familie Eingang, so auch bei den "gutbürgerlichen" Collins, wie Dr. Jungmayer feststellt; "der Vater war Arzt."

*****

Aus einem privilegierten Haus stammte auch Henne Gensfleisch, besser bekannt als Johannes Gutenberg. Geldsorgen blieben dem um 1400 in Mainz Geborenen, der mit seinen beweglichen Lettern die Welt revolutionieren sollte, jedoch nicht erspart. "Nachdem er in einem Gerichtsprozess fast alles aufgrund der Kreditschulden verloren hatte", so Dr. Manfred Kremser, Wien 18, "musste er sich über Wasser halten."

Also fertigte er (im Vergleich zu kostbaren Bibeln) günstige Drucke mit guten Absatzchancen an, z.B. Ablassbriefe, also Einblattdrucke, die einen Freikauf von Sünden bestätigten, oder Kalender. Darunter befand sich auch ein Aderlasskalender für 1457, merkt der Zeitreisenmedicus als Ergänzung zum Artikel "Ein Schnupfen und recht viel Blut" (Nro. 355) an. In diesem Almanach, der als erstes gedrucktes Medizinfachbuch gilt, "waren die Mondphasen angeführt, die am günstigsten für Aderlässe schienen. Darüber hinaus auch die Mondphasen für Medikamenteneinnahme und . . . fürs Laxieren (Abführen, Anm.)". Somit ging der Vater der Schwarzkunst auch in die Medizingeschichte ein.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner