So ein Redakteur hatte es einst wahrlich schwer. Denn als Joseph Carl Bernard anno 1816 die "Wiener Zeitung" redigierte, blieb ihm keine Mühsal erspart.

Dampfer "Neptun" nach 1830 auf Kurs Hamburg-London.
Dampfer "Neptun" nach 1830 auf Kurs Hamburg-London.

Der Journalist, der im Jahr zuvor den Posten seines von Metternich mit Berufsverbot belegten Kollegen Conrad Dominik Bartsch übernommen hatte, wusste um die scharfen Zähne der k.k. Zensur. Da die privaten "WZ"-Verleger, die Ghelen’ schen Erben, gegen Repression machtlos waren, musste er jede Politik-Zeile penibel abwägen. (N.B. Er tat dies bis 1847; dann leitete er zum Ausgleich in der recht kurzen Pressefreiheits-Ära 1848 ein Revolutionsorgan).

Zum Überdruss sperrte obendrein das Konkurrenzblatt, der "Oesterreichische Beobachter" von Fürst Metternich, über die Staatskanzlei die "WZ" von wichtigen Nachrichten des Hofes aus. Presseagenturen existierten in Mitteleuropa aber damals noch nicht. J. C. Bernard (ca. 1781-1850) wollte seinem Publikum trotzdem interessante Neuigkeiten liefern. Er ackerte fremde Gazetten durch, sichtete passende nichtpolitische Meldungen und übernahm (wie seinerzeit üblich) die Texte.

Am Sonntag, den 23. Junius 1816, gelangte auf diese Weise ein atemberaubender Artikel in die "WZ":

Fultons Versuch auf der Seine: Sah Napoleon zu?
Fultons Versuch auf der Seine: Sah Napoleon zu?

Am 12. Junius sah man zu Köln das dort nie gesehene Schauspiel, wie ein ziemlichgrosses Schiff ohne Mast, Segel und Ruder, sehr schnell den Rhein hinauffuhr.

Um alle Zweifel zu zerstreuen, hieß es außerdem:

Es war ein von London nach Frankfurt gehendes Englisches Dampfboot.

Dass diese Information in Zeiten langer Nachrichtenwege elf Tage nach dem Ereignis erschien, minderte die Sensation keineswegs. Man staunte nur: Der erste Dampfer in Köln, in Frankfurt! (Wien erlebte diese Premiere erst 1818).

Dennoch wäre es dem Redakteur unseres Blattes bald lieber gewesen, er hätte die Finger von der Geschichte gelassen. Denn am Freytag, den 28. Junius 1816, hieß es in der "WZ":

Das (...) erwähnte (...) Dampfboot, welches nach Angabe der Kölnischen Zeitung, ohne Ruder und Mast den Rhein hinauf nach Frankfurt fuhr, war (...) weder ohne Ruder noch ohne Mast, weil es (...) ohne letzteren sich der (...) zum Fortkommen gebrauchten Segel nicht würde haben bedienen können.

Dampf? Dampfplauderei!

Es kam noch schlimmer: Denn das Schiff erreichte nie den Main bzw. Frankfurt. Es trieb von Köln einfach stromabwärts nach Hause. Ja, und für die Fahrt Rotterdam-Köln hatte es mit Hülfe seiner beyden Segel 7 Tage gebraucht!

Fazit der "WZ"-Redaktion: es scheint (...), daß ein solches Dampfboot in einem stillen Wasser (...) anwendbarer sey, als in einem reissenden Strohme.

Blattmacher Bernard war nun in puncto "Kölnische Zeitung" und Dampfschifffahrt ein gebranntes Kind. Für die Zukunft der neuen Technik sah er wohl noch lange Zeit schwarz. Allein stand er damit nicht. Viele Gebildete Europas begegneten den modernen Wasserfahrzeugen mit einer gehörigen Portion Skepsis.

Selbst der die Wissenschaft schätzende Napoleon nannte Dampfer-Ingenieure Scharlatane. Nicht von ungefähr: Der US-Schiffspionier Robert Fulton (1765-1815) hatte 1803 in Paris auf der Seine ein Dampfboot vorgeführt, das bald sank. Dass der Korse Zeuge des Unglücks war, wie es ein altes Bild (siehe links) suggeriert, ist nicht zu belegen. Jedenfalls blitzte Fulton auch 1806 bei einer Frankreich-Visite ab und erhielt wieder keinen Auftrag Bonapartes.

Trotz Kinderkrankheiten des Metiers etablierte Fulton ein Jahr später einen Liniendienst auf dem Hudson. "North River Steamboat" (auch "Clermont"), der erste Passagierdampfer der Welt, brachte Reisende von New York nach Albany (ca. 150 Meilen stromaufwärts) bzw. zurück. Jeweils in weniger als 1½ Tagen. Fürs Gelingen dürften relativ gute Strömungsbedingungen und die englische Dampfmaschine (ca. 20 PS) gesorgt haben - sowie Segel, die oft halfen. (Die Alte Welt kam 1812 nach diesem Vorbild in Glasgow zum ersten Liniendampfer, dem "Comet" mit ca. 4 PS. Ab etwa 1830 entfaltete sich dann der europäische Linienverkehr.)

Die Frühgeschichte der Schiffe mit Rauchfang ist jedoch meist eine Historie des Scheiterns. Nur zwei Fälle:

Denis Papin (1647-ca. 1712) befuhr bereits 1707 mit einem selbst gebauten Dampfboot (dessen Antrieb zum Teil auch auf Muskelkraft basierte) bei Kassel die Fulda. Eine Schiffergilde verbot ihm die Durchreise und zerstörte sein Fahrzeug.

Josef Ressel (1793-1857) erhielt 1827 für die von ihm erfundene Schiffsschraube ein Privileg, aber zwei Jahre später hatte er kein Versuchsschiff mehr. Denn nach technischen Problemen verbot man ihm polizeilich die Inbetriebnahme.

Allein diese Beispiele lassen wohl ermessen, welch Glückspilz Fulton war - abgesehen von einigen Ungelegenheiten mit Napoleon.

Kopfnuss: Wann etwa setzte sich die Dampfschifffahrt vollends durch? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)