Die kluge Marie Mancini (links; 1639-1715) eckte in ihrer Zeit ebenso an wie Frida Uhl (Mitte; 1872-1943, hier 1915). Rechts: Fridas Vater, "WZ"-Chef Friedrich Uhl (oben; 1825-1906), Kurzzeit-Gatte August Strindberg (1849-1912). - © Bilder: August Strindberg Museum (2), Gemälde (Ausschnitte) von R. Bergh bzw. J. F. Voet. Collage: Iris Friedenberger
Die kluge Marie Mancini (links; 1639-1715) eckte in ihrer Zeit ebenso an wie Frida Uhl (Mitte; 1872-1943, hier 1915). Rechts: Fridas Vater, "WZ"-Chef Friedrich Uhl (oben; 1825-1906), Kurzzeit-Gatte August Strindberg (1849-1912). - © Bilder: August Strindberg Museum (2), Gemälde (Ausschnitte) von R. Bergh bzw. J. F. Voet. Collage: Iris Friedenberger

Mit einer nur sechs Zeilen umfassenden Notiz brachte die "Deutsche Zeitung" einen abgebrühten Journalisten aus der Fassung: Friedrich Uhl tobte, als er am 27. März 1893 aus der Presse erfahren musste, dass seine noch nicht 21-jährige Tochter Frida zu heiraten gedenke - ausgerechnet den "Weiberhasser" August Strindberg! Lieber hätte er dem Schweden, so soll er später gesagt haben, einen Dichterpreis gegeben als seine Tochter. Als Chefredakteur der altehrwürdigen "Wiener Zeitung" konnte Regierungsrat Uhl keine Skandale brauchen.

Friderica Cornelia Uhl, genannt Frida, kam 1872 in Mondsee, Oberösterreich, zur Welt. Dem Kind des einflussreichen Zeitungsmannes und gefürchteten Theaterkritikers war die Feder in die Wiege gelegt. Der Vater förderte ihr Talent, in der Bibliothek der elterlichen Villa las sie sich ganze Sommer lang durch die Weltliteratur. Sie lernte perfekt Französisch, Englisch, war klug, frech, mutig, wortgewandt.

Einer Karriere im Journalismus stand eigentlich nur eines im Wege.

Als Frau im Wiener Fin de Siècle hatte man so gut wie keine Chance auf Festanstellung in einer Redaktion. Schreiben war eine Männerdomäne. Die paar freien Mitarbeiterinnen, die zu Wort kamen, verbargen sich meist hinter Pseudonymen (z.B. "WZ"-Autorin Florentine Galliny, die sich "Bruno Walden" nannte).

Es hob sich wohl im Publikum manche Braue, sei es anerkennend oder geringschätzig, als am 27. Juli 1891 Frida Uhls erster Artikel mit vollem Namen in unserem Blatt erschien.

Stationen eines turbulenten Lebens: Berlin mit dem Brandenburger Tor, London (hier der Piccadilly Circus), New York und Mondsee, wohin "Madame Strindberg" im Alter zurückkehrte. - © Bilder: zeitgenössische Ansichten; Repro & Collage: Iris Friedenberger
Stationen eines turbulenten Lebens: Berlin mit dem Brandenburger Tor, London (hier der Piccadilly Circus), New York und Mondsee, wohin "Madame Strindberg" im Alter zurückkehrte. - © Bilder: zeitgenössische Ansichten; Repro & Collage: Iris Friedenberger

Rasch verschwand das junge Talent aber hinter drei Sternen als Autorenzeichen. Dennoch: Mit Frida Uhl beschäftigte die "WZ" eine der ersten Journalistinnen des Landes. Als "Freie" lieferte sie meist Buch- und Theaterkritiken. So erschien am 27. und 28. August 1896 die zweiteilige Rezension eines Werks über Marie Mancini-Colonna, die Jugendliebe Ludwigs XIV., verfasst von Monsieur Lucien Perey.

Monsieur? Pardon, Herr Perey hieß eigentlich Clara Adèle Luce Herpin und war eine vielbelesene Dame.

Im Schicksal der 1639 geborenen Marie Mancini dürfte die Feuilletonistin Parallelen zu sich selbst gesehen haben. Nicht nur das Aussehen der gebildeten Römerin, mit dunklen Locken, gescheitelt und aufgebauscht, wie man es heute wieder trägt, und bald spöttisch blitzenden, bald träumerisch umschleierten Augen, erinnerte an die junge Frida. Diese wie jene spürte Lebenslust und Lebensdurst, trat schreibend an die Öffentlichkeit und verstieß gegen die Sitten der Zeit, die Frauen strenge an ihre Häuslichkeit banden.

Kurz: Im 19. Jahrhundert half es fast ebenso wenig wie im 17., schön und geistvoll (...) zu sein, so lange man ein - Weib blieb.

Hie und da klingt ein bitterer Ton im Text an. Als er 1896 entstand, versuchte die Autorin, nach der Geburt der Tochter Kerstin 1894, beruflich wieder Fuß zu fassen. Ihre Ehe mit Strindberg lag längst in Trümmern.

Eine Frau, die selbst ihren Unterhalt als Autorin bestritt, ging dem genialen Gatten, nach anfänglicher Faszination, gegen den Strich. Und erst recht, dass das Paar zeitweise von Fridas "WZ"-Honoraren lebte - "Sie schreibt Bücher! Sie ist ein Teufel!", klagte Strindberg gegenüber Bekannten. Selig war er, wenn sie Socken stopfte, Windeln wusch oder kochte. Dafür war Frida freilich die Falsche.

Ihre hellsichtige Schwester ahnte von Anfang an Übles, lernte sie den Schwager doch als einen kennen, der "vor einer zufällig etwas härter ausgefallenen Portion Nockerl schon wieder von dem unheilvollen Einfluß der Weiber auf den Mann phantasirt". Kein Wunder also, dass Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter", eine 1903 erschienene Hassschrift gegen Frauen (und Juden), bei Strindberg - wie bei vielen seiner Zeitgenossen - auf fruchtbaren Boden fiel.

Wien ist um die Jahrhundertwende in Sachen Frauenemanzipation noch rückständiger als etwa München oder Berlin, wo Frida als Korrespondentin gearbeitet hat. Als Friedrich Uhl 1906 stirbt, verliert sie den Rückhalt in der Donaumetropole. Nicht zuletzt sein Ansehen, das er auch nach seiner Pensionierung als "WZ"-Chef 1900 genoss, hat Schutz geboten. Kaum ruhen seine Gebeine in der Mondseer Gruft, häufen sich Skandalberichte um Frida. Ihre eigene Mutter warnt 1908 per Annonce davor, ihr Geld zu leihen.

Frida geht nach London und gründet 1912 den Nachtclub "Cave of the Golden Calf", Höhle des Goldenen Kalbs. Im bunt ausstaffierten Kellerlokal feiert die Londoner Avantgarde wilde Partys. Mitten drin - sie weiß sich in Szene zu setzen - Madame Strindberg mit einem Affen auf der Schulter.

Mit Kriegsausbruch 1914 muss sie England verlassen. Wieder steht sie vor dem Nichts. Was tut die moderne Frau? Sie geht nach New York, kauft sich eine Schreibmaschine und verfasst Drehbücher . . .

Ab 1928 finden wir sie in der Mondseer Villa, wo sie ihre Tage bis zum Tod 1943 als seltsam gestrig gekleidete Dame mit schlohweißem Haar und einem Spitz namens Ali zubringt. Im verwilderten Garten, von den Nachbarn skeptisch beäugt, oder - am Schreibtisch.

Kopfnuss: Wer war der Vater von Fridas Sohn Friedrich Strindberg (1897-1978)? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)