Hoher Markt und Nahbereich etwa zur Zeit Leopolds I. (röm.-dt. Kaiser 1658-1705) als originalgetreue Rekonstruktion auf der Theaterausstellung 1892. - © Bild (Ausschnitt): Leporello-Album zur Schau, Verlag (Buchhandlung) Max Herzig, Franzensring 22 (Wien 1892)
Hoher Markt und Nahbereich etwa zur Zeit Leopolds I. (röm.-dt. Kaiser 1658-1705) als originalgetreue Rekonstruktion auf der Theaterausstellung 1892. - © Bild (Ausschnitt): Leporello-Album zur Schau, Verlag (Buchhandlung) Max Herzig, Franzensring 22 (Wien 1892)

Eingezwängt, ja versteckt zwischen den Nachbarn stand das enge Krebsenhaus (im großen Bild 2. Bau v. l.) vor 125 Jahren in einem originalgetreu nachgebildeten Wiener Grätzel des 17. Jh.s: Auf ihrem Areal im zweiten Bezirk lud die Ausstellung für Musik- und Theaterwesen zu einer Zeitreise in die Gegend um den Hohen Markt in der Barockära ein.

Das Krebsenhaus aber war bald der Geheimtipp.

Denn durch Tür und Fenster sah man in dessen Apotheke mit Tiegeln, Waagen, Fläschchen, Mörsern von anno dazumal. Sigmund Mittelbach, 1886 Besitzer des Uralt-Betriebs geworden, hatte keine Mühe gescheut, die frühneuzeitliche Offizin "Zum roten Krebsen" wieder erstehen zu lassen.

Allerdings zog nicht das allein Neugierige an. Vielmehr glaubten so manche, die Apotheke habe bereits im 17. Jh. eine gewissse Arznei angeboten, die dort tatsächlich im nachfolgenden Jahrhundert Einzug hielt. Früher wäre das gar nicht möglich gewesen; das entsprechende Heilverfahren kam erst um 1800 auf und entwickelte sich danach zu einer neuen Lehre.

Schranne (r.) als Kulisse. - © Bild: Archiv
Schranne (r.) als Kulisse. - © Bild: Archiv

Die von alten Prinzipien abrückende Schule schätzte man in der Donaumetropole zur Zeit der Theaterausstellung wenig. Denn das, was man im echten "roten Krebsen" damals neben klassischen Arzneimitteln Kranken offerierte, galt eher als verpönt - und die Methode, die Homöopathie, war das Aschenbrödel der Medizin. Auf das viele hinunterschauten. In Unkenntnis geschichtlicher Fakten wohl auch etliche Theaterschau-Besucher beim Vorbeigehen an der Kulissen-Offizin.

Nun ja, heftige Kontroversen um homöopathische Dosen gibt es bis heute; oft stört dabei der unter kultivierten Menschen unübliche Ton. Freunden der Historie, ob in puncto nichtklassischer Arznei pro oder contra, liegt das nicht: Der in 220 Jahren gewachsene Pharmazie-Zweig ist Teil der Kulturgeschichte.

(NB. des Zeitreisenschreibers, eines alten Skeptikers, in eigener Sache zur praktischen Seite: Trotz aller Zweifel half ihm die etwas andere Arznei einmal. Seither rätselt er: Der Placebo-Effekt soll ausgerechnet bei ihm gegriffen haben?)

Zurück zur Ausstellung im Prater vor 125 Jahren, die neben dem eigentlichen Zweck - Musik- und Bühnendarbietungen - ihre Besucher in Wiens Frühneuzeit entführte. Eine herrliche und gewiss teure Idee! Schlendernd konnte man in eine längst vergangene Ära eintreten. Die erwähnte (öfter die Adresse wechselnde, bis heute bestehende) Apotheke am Hohen Markt - sie befand sich einst nahe der Stelle, die nun die Anker-Uhr ziert - führte vor Augen, wie die Leute im 17. Jh. Leiden zu kurieren versuchten. Ebenso erzählten andere Nachbauten Geschichte.

So die Schranne, Wiens Stadtgerichtshaus (Bild l.), an deren Stelle nun das Gebäude Ecke Hoher Markt/ Tuchlauben steht. Über die imposante Freitreppe an der Vorderfront spazierten lediglich glückliche Zeitgenossen wie Richter und Räte, die unglücklichen Angeklagten brachte man gleich ebenerdig zum Verhör.

Kleiner Zeitensprung: Um 1740 bekam das Justizdomizil noch ein Türmchen mit mechanischer Uhr aufgesetzt, die - so ein angebrachter Spruch - "keinem Glücklichen" schlug. Das Uhrengehäuse ist noch Teil des jetzigen Nachfolgebaus.

Keine Attrappe: Krebs-Apotheke, Zeichnung aus 1854. - R.: Ausstellungsbesucher 1892. - © Bilder (Ausschnitte): Leporello-Album zur Schau, Verlag (Buchhandlung) Max Herzig, Franzensring 22 (Wien 1892)/Monatsschrift "Alt-Wien" (Okt. 1895)
Keine Attrappe: Krebs-Apotheke, Zeichnung aus 1854. - R.: Ausstellungsbesucher 1892. - © Bilder (Ausschnitte): Leporello-Album zur Schau, Verlag (Buchhandlung) Max Herzig, Franzensring 22 (Wien 1892)/Monatsschrift "Alt-Wien" (Okt. 1895)

Am anderen Ende des Areals mit den Nachbildungen visitierten Kenner der Buchdruckerhistorie den ersten Herstellungsort der 1703 als "Wiennerisches Diarium" entstandenen "Wiener Zeitung": den Regensburger Hof am Lugeck (r. im großen Bild). Eigentlich war das eine Fleißaufgabe der Ausstellungsgestalter, denn zur Zeit der Schau stand der mittelalterliche Bau unversehrt im ersten Bezirk. Er fiel erst 1896 der Spitzhacke zum Opfer. Und mit ihm das Gewölbe der Druckerei von Johann Baptist Schönwetter (1671-1741), dem Gründer unseres Blattes. Winziger Trost: Der Neubau ist dem alten Haus nachempfunden.

Wer im k.k. Prater am Samstag, 7. Mai 1892, nach Start der Theaterschau bzw. Besuch von Aufführungshallen (u.a. internationale Bühne) und Alt-Wiener Nachbauten den Weg zum echten Regensburger Hof in der Innenstadt einschlug, hatte es übrigens nicht weit zur damaligen Produktionsstätte der "Wiener Zeitung". Deren Dampfpresse ratterte in der Herrengasse 7, wo Druckereileiter Carl Gruß regierte.

Am Nachmittag dieses 7. Mai lieferte die Maschine eine brandaktuelle "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" mit einem Stunden zuvor handgesetzten Bericht. Einleitung: Se. (= Seine) Majestät der Kaiser geruhten heute Vormittags um 11 Uhr die "Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen Wien 1892" (...) zu eröffnen.

Kopfnuss: War das Gebiet des Hohen Markts schon zur Römerzeit ein Platz? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)