Pfleglinge einer die Mutterstelle vertretenden Helferin auf dem Titelkopf der Zeitschrift des Kinderschutzvereins. - R.: Beistand in begüterter Familie. - © Bilder: Archiv A.S. (Zeitschriftenkopf-Schmuckfarbe: "WZ" 2017)/Renata Beutner, Erzählungen für Mädchen (Bilder: R. Wehle), Stuttgart o.J. (= um 1900)
Pfleglinge einer die Mutterstelle vertretenden Helferin auf dem Titelkopf der Zeitschrift des Kinderschutzvereins. - R.: Beistand in begüterter Familie. - © Bilder: Archiv A.S. (Zeitschriftenkopf-Schmuckfarbe: "WZ" 2017)/Renata Beutner, Erzählungen für Mädchen (Bilder: R. Wehle), Stuttgart o.J. (= um 1900)

War die k.u.k. Monarchie ein Völkerkerker? Musste der Vielvölkerstaat daher zerbrechen?

Nun, so einfach bzw. vereinfacht liegen die Dinge sicher nicht. Das Donaureich war keine Haftanstalt für Nationen. Die westliche Reichshälfte, nach dem kleinen Grenzfluss Leitha oft Cisleithanien genannt, sicherte ihren Völkern immerhin per Verfassung Gleichberechtigung zu.

Eine andere Frage ist freilich, ob alle "Volksstämme" (so die Wortwahl im Staatsgrundgesetz von 1867 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger) die Habsburgermonarchie einigermaßen als Heimstatt empfinden konnten - was z.B. wohl fast allen Italienern oder den meisten Tschechen unmöglich war. Und das, obwohl das einheitliche Wirtschaftsgebiet im Donauraum allen Vorteile bot! Aber ökonomische Einheit allein schafft keinen echten Zusammenhalt.

Um sich in einem Gemeinwesen geborgen zu fühlen, um sich unter einem festen Dach geschützt zu sehen, bedarf es breiter sozialer Obsorge.

Die fehlte leider im Habsburgerreich.

Von rühmenswerten Ausnahmen abgesehen bekümmerte weder den Adel noch das Großbürgertum das Elend der Massen.

Bloß Traum für viele Kleine in k.k. Landen: Geborgenheit. - © Bild: Töchteralbum 36, Glogau 1890
Bloß Traum für viele Kleine in k.k. Landen: Geborgenheit. - © Bild: Töchteralbum 36, Glogau 1890

Von Kaiser Franz Joseph abwärts rührte keiner der Männer an den Schalthebeln der Macht (Frauen hatten auch dort recht wenig zu sagen) einen Finger gegen die erbärmlichen Lebensumstände von Millionen Untertanen. Ob es um mangelhafte Ernährung (z.B. kaum Fleisch), um Wohnungsnot (u.a. nasse Keller als Behausung) oder um Volkskrankheiten (wie Tuberkulose) ging - die Herren sahen weg.

Am härtesten traf das die Ärmsten der Armen: in elenden Verhältnissen aufwachsende Kinder.

Blicken wir in diesem Zusammenhang mit der "Wiener Zeitung"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" vom 3. Juni 1887 auf die tragische Lage einer vierköpfigen Familie in der damals noch selbständigen Gemeinde Ottakring bei Wien. Unter dem Kurztitel Eine verzweifelte Mutter hieß es:

Die Milchverschleißerin Theresia Lieben verließ gestern früh mit ihren Kindern Franz, 9 Jahre alt, Anna, 7 Jahre alt, und Marie, 4 Jahre alt, ihre Wohnung, Ottakring, Lange-gasse Nr. 17 (...).

Weiters wurde ein entdeckter Abschiedsbrief der Frau zitiert, wonach sie

mit ihren Kindern wegen drückender Nothlage den Tod suchen werde.

Welches Leid drückte wohl einst dieses weinende Mädchen? - © Bild: Renata Beutner, Erzählungen für Mädchen, Stuttgart o.J. (= um 1900)
Welches Leid drückte wohl einst dieses weinende Mädchen? - © Bild: Renata Beutner, Erzählungen für Mädchen, Stuttgart o.J. (= um 1900)

Zu den Existenzproblemen der gebrochenen Frau wurde angeführt:

(...) ist die Wittwe eines (...) Maschinenführers.

Die kleine Hinterbliebenen-Pension von 28 fl. (= Gulden) im Monat reichte nicht, Kinder und Mutter durchzubringen. Daher eröffnete sie (...) mit Unterstützung (...) befreundeter Familien (...) ein Milchgeschäft, das sich (...) keines besonderen Zuspruches erfreute. Die Ladenbetreiberin war bald mit drückenden Schulden überhäuft.

In dieser Lage dürfte Theresia Lieben den Donaukanal für den gemeinsamen Tod mit ihren Kleinen ausersehen haben. Jedenfalls irrte sie Stunden mit ihrem Nachwuchs in der Gegend umher.

Zum Glück war das Leben stärker. Sie gab ihren Plan auf. Wer aber half ihr, als sie heimkehrte? Keine Regierungsstelle, keine Bezirkshauptmannschaft, kein Gemeindeamt - sondern der Hausbesitzer, der den Zins erließ, und der Milchlieferant, der seine Forderungen strich. Hut ab vor beiden!

Legen wir jetzt die Zeitung vom 3. Juni 1887 beiseite und greifen wir zu den "Mitteilungen der Kinder-Schutz- und Rettungs-Gesellschaft" in Wien vom 5. Juni 1907 (Faksimile l.).

Wie schaute die k.k. Kinderwelt um diese Zeit aus? Unter dem Titel "Der I. österr. Kinderschutzkongreß" erfahren wir von einer Premiere. Wir lesen aber auch: "Die Verwahrlosung der Jugend nimmt immer mehr zu." Kinder, die nicht in begüterten Familien aufwuchsen, versanken oft in völliger Armut - hunderttausende Buben und Mädchen.

Der humanitäre Verein tat, was er konnte. Es blieb ein Tropfen auf den heißen Stein. 1906 fanden "rund 100 Kinder" aus desolaten Familien Platz in Heimen der Organisation. Genau 61.116 Kronen und 53 Heller (neue Währung ab 1892: 1 Gulden wurde zu 2 Kronen) gab es für Hilfsbedürftige - fast alles kam aus Spenden, Sammlungen, Legaten. Nur 2.580 Kronen flossen als Subventionen. Im frühen 20. Jahrhundert war Kinderrettung in k.k. Landen also de facto weiter Privatsache.

P.S. Streng alphabetisch schien in der Liste des erweiterten Vereinsvorstands Redakteur Dr. Franz Zweybrück an letzter Stelle auf. 1907 wirkte der Journalist im "Fremdenblatt". 10 Jahre später ging er zur "Wiener Zeitung", deren Chefredakteur er von 1923 bis zu seinem Tod 1925 war.

Kopfnuss für Wien-Freunde: Gibt es im Straßenverzeichnis des 16. Bezirks heute eine Langegasse? (Die geknackte Kopfnuss finden Sie auf der nächsten Seite.)