Für die Redakteure der "Wiener Zeitung" kam es völlig überraschend, als am 1. September 1901 ein Historiker und Professor am k.k. Theresianum zu ihrem neuen Chef ernannt wurde. Nachdem Oskar Teuber nach nur einjähriger Amtszeit an einem Herzinfarkt gestorben war, erwartete man, dass der angesehene Kollege Dr. Emil Löbl die Leitung des Blattes übernehmen werde. Stattdessen kam der 44-jährige Dr. Eugen Guglia an die Spitze der Redaktion.

Diese residierte seit 1894 in der alten Universität in der Wiener Bäckerstraße. Aus dem Fenster über dem Schwibbogen blickte Guglia fortan täglich "auf einen der reizendsten kleinen Plätze, die sich aus dem alten Wien ins neue herübergerettet haben" - so schrieb er selbst 1903 in einem Feuilleton - "und in mondhellen Sommernächten . . . nimmt er mit seinen hohen dunklen Türmen, seinen geheimnisvollen Bogen, seinen raunenden Brunnen beinahe etwas Phantastisch-Südländisches an."

Ein Literat und Ästhet

Camilla , Guglias spätere Gattin (r.), im Jahre 1896 mit ihren Eltern Ernesta und Franz Mertens. - © Foto: Pia Reimitz
Camilla , Guglias spätere Gattin (r.), im Jahre 1896 mit ihren Eltern Ernesta und Franz Mertens. - © Foto: Pia Reimitz

Was dieses kurze Zitat erahnen lässt, bestätigt Guglias Enkelin Pia Reimitz, Markt St. Martin (Bez. Oberpullendorf), die den Zeitreisen von ihrem Großvater erzählte: Guglia war "Ästhet durch und durch", ein "schöngeistiger, sensibler Mensch".

Als "Gegenteil eines Journalisten" bezeichnete ihn rückblickend Rudolf Holzer (1875-1965), der als junger "WZ"-Theaterkritiker unter Guglia arbeitete. Dies war durchaus als Kompliment gemeint. Denn Guglia dachte nicht daran, Gerüchten oder Sensationen auf Kosten journalistischer Qualität hinterherzuhecheln. Auch im Zeitungsschreiber sah er einen Geschichtsschreiber. Daher musste stimmen, was in seinem Blatt erschien. Auch wenn das Prüfen der Fakten seine Zeit dauerte.

Sein Herzblut floss nicht in den journalistischen Tagesbetrieb, den er mehr und mehr Emil Löbl überließ, sondern ins Feuilleton. Guglia widmete sich indes stärker dem literarischen Ausbau. Unter seiner Ägide engagierte man etliche namhafte Schriftsteller, z.B. Hugo Salus, Hedda Sauer, Max Mell oder Karl Schönherr.

Venedig und Wien

Eugen Guglia war ein Kind des alten Wien. Als er am 24. August 1857 in der Donaumetropole auf die Welt kam, war diese noch von Basteien umgeben. Vier Monate später befahl Franz Joseph den Abriss: Die Ringstraße entstand und damit jenes Wien, das wir heute kennen. An die von Baustellen übersäte Stadt seiner Kindheit konnte Guglia sich wohl gut erinnern, als er später die "Geschichte der Stadt Wien" (1892) schrieb.