Zu den Anfängen des Protestantismus in Österreich begab sich die Gemeine mit der kleinen Nuss Nro. 369. Beginnen soll der Antwortreigen im 16. Jahrhundert, als "die Bevölkerung Wiens . . . zu etwa 70 Prozent protestantisch" war, wie Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, aus der im Mai beendeten Schau "Brennen für den Glauben" im Wien Museum erfuhr.

Vor allem der Adel und das Bürgertum hörten über diverse Wege von den Reformbestrebungen, die Martin Luther 1517 in Wittenberg ins Rollen gebracht hatte. Alice Krotky, Wien 20, erwähnt etwa "die Freundschaft Luthers mit österreichischen Adelsfamilien."

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, schlug in der "Geschichte des Christentums in Österreich" (2003) von Rudolf Leeb et al. nach: "Bezug genommen wird auf österreichische Studenten in Wittenberg um 1520, die den ersten Beitrag zur Verbreitung reformatorischen Gedankenguts in den Erblanden leisteten."

Tauber vor Wiener Gericht. - © Stich aus "Historien der (...) Gottes-Zeügen" 1557
Tauber vor Wiener Gericht. - © Stich aus "Historien der (...) Gottes-Zeügen" 1557

Eine Kernregion grenzt Franz Kaiser, Wien 11, ein: "Ab 1518 sind die Anfänge des Luthertums im Land ob der Enns nachweisbar. Steyr war ein Zentrum dieser Bewegung".

Dr. Günter Fostel, Wien 18, wendet sich einem katholischen Geistlichen zu, der früh konvertierte: Paul Speratus (1484-1551) war um "1512 Priester in Salzburg, um 1520 Domprediger in Würzburg".

Speratus auf zeitgenössischem Stich. - © Bild: Archiv
Speratus auf zeitgenössischem Stich. - © Bild: Archiv

Dort, erläutert MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, nahm "er schon die Lehre Luthers an . . . Er musste fliehen nach Aufgabe des Ehelosigkeitsgelübdes." Als ein weiterer Grund wird Geldnot angenommen.

Sein Weg führte ihn nach Wien. Hier musste ihm, erläutert Elisabeth Somogyi, Wien 11, der damalige Bischof "auf Druck der Bevölkerung . . . die Kanzel im Stephansdom überlassen. Am 12. Jänner 1522 . . . hielt Speratus eine Predigt . ..; u.a. forderte er die Ordensleute zum Austritt aus den Klöstern und zur Heirat auf." Er selbst war damals mit "seiner Partnerin Anna Fuchs" quasi verheiratet.

Zum weiteren Lebensweg führt Dr. Heribert Plachy, Wien 7, aus: Speratus wurde in Wien "als Ketzer exkommuniziert". Er ging als Pfarrer nach Iglau in Mähren (nun Jihlava, Tschechien). "Bald aber wurde er . . . verhaftet und zum Feuertod verurteilt, jedoch unter der Bedingung begnadigt, das Land zu verlassen". Ab 1530 "war er einer der ersten lutherischen Bischöfe von Pomesanien in Marienwerder", heute Kwidzyn in Polen.

Unterdrückung

In Wien stieg unterdessen der Druck auf die neue Lehre, doch die Bevölkerung wehrte sich. Dazu Mathilde Lewandowski, Payerbach: "Die Niederschlagung der ständischen Erhebung, die im "Wiener Neustädter Blutgericht" von 1522 gipfelte, war ein Gewaltakt, der den jungen Landesherrn Ferdinand I. seinen Untertanen entfremdete." Das könnte "zu einem Teil dafür verantwortlich gewesen sein, dass sich die Wiener in so großem Maß der neuen Lehre zuwandten."

Nachdem in Wien der "vergleichsweise milde Bischof Georg Slatkonia . . . von dem strengeren Johann von Revellis abgelöst" wurde, kam es sogar zur Hinrichtung eines Luther-Anhängers, so Prof. Brigitte Sokop, Wien 17. Sie zitiert eine "Gedenktafel in der lutherischen Stadtkirche" (Dorotheergasse, Wien 1): "Dem Andenken an den ersten Blutzeugen der Reformation in Österreich / Kaspar Tauber / enthauptet in Wien am 17. September 1524 / gewidmet 1924." Die Tüftlerin führt weiters aus: "Tauber wetterte gegen die Heiligenverehrung, gegen die Beichte und die Lehre vom Fegefeuer."

Zu seiner Bestrafung notiert Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "An drei Sonntagen musste er vor dem Riesentor des Stephansdomes barfuß, zerlumpt und mit einem Strick um den Hals umhergehen und sollte widerrufen." Er weigerte sich und "wurde . .. auf der Richtstätte in Erdberg enthauptet".

Politische Hintergründe des Glaubenskampfes erläutert Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Für den Kampf gegen die Osmanen benötigten die Landesherren . . . Geld, . . . welches von den Landständen bewilligt werden musste. Und die verlangten dafür . . . Glaubensfreiheit." Der Tüftler zitiert dazu einen zeitgenössischen Prediger: "Der Türk’ ist der Lutherischen Glück, sonst würde man anders mit ihnen umspringen."

Zufluchtsorte

Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3, zu weiteren Entwicklungen: "Nachdem der Protestantismus sich derart verbreitet hatte, dass etliche katholische Kirchen - wie auch die . . . Hernalser Pfarrkirche - quasi umgewidmet worden waren . . ., gestattete Kaiser Maximilian II. dem Adel die reformatorische Religionsausübung auf dessen Besitztümern. Das bedeutete, dass die Wienerinnen und Wiener zur Teilnahme an den diversen religiösen Veranstaltungen zu den Schlössern und Landsitzen solcher Adliger "auslaufen" mussten."

Ein Beispiel nennt Brigitte Schlesinger, Wien 12: Adam Geyer von Osterburg, "Herr von Als (Teil des späteren Wiener Bezirks Hernals, Anm.) und zu Inzersdorf . . . berief berühmte Prediger".