Zwölf Kronen täglich, also umgerechnet ca. 80 Euro, hat Oskar Ender für das Zimmer in der Pension "Küberhof" für seine vierköpfige Familie bezahlt. Mit Bergblick, versteht sich. Wenn man auf den Balkon trat, konnte man in der Ferne den Gipfel des Schneebergs klar erkennen. Auch die Semmeringbahnstrecke hatte der Direktor der "Wiener Zeitung" - Ender war als Oberrechnungsrat des Finanzministeriums für die geschäftlichen Belange der Zeitung zuständig, Chefredakteur war Eugen Guglia - im Blick, dazwischen leuchtete das satte Grün der Wälder und Auen des oberen Schwarzatals.

Als der Beamte im Juli 1908 in dem beschaulichen Bauernweiler Küb, wenige Kilometer vom Nobelkurort Reichenau an der Rax entfernt, seinen (vierwöchigen) Urlaub verbrachte, war der Sommerfrischeort am Semmering noch so etwas wie ein Geheimtipp. Das Service, das das 1902 eröffnete Hotel "Küberhof" den Gästen bot - mit Vollpension, Gasbeleuchtung, Heizung, Tennisplatz und Liegewiese -, war für die damaligen Verhältnisse nicht nur großzügig, sondern im Vergleich zu den elitären Etablissements in Reichenau viel günstiger.

Vernetzte Habsburger

Günstiger als im noblen Reichenau stieg man in Küb ab (Ansicht aus ca. 1910); "WZ"-Direktor Ender im Gästebuch. - © Bilder: C. Rella/histor. Ansichtskarte um 1910
Günstiger als im noblen Reichenau stieg man in Küb ab (Ansicht aus ca. 1910); "WZ"-Direktor Ender im Gästebuch. - © Bilder: C. Rella/histor. Ansichtskarte um 1910

Das galt ebenso für die übrigen Hotels und Villen, die zur Jahrhundertwende aus dem Boden gestampft worden waren; ein Umstand, der damals auch der Presse nicht verborgen blieb, wie folgende Zeitungspassage aus dem Jahr 1906 bezeugt: ". . . wer jetzt im Schnellzug sitzend Küb passiert, wird wohl verwundert die prächtigen Bauten und Parkanlagen, wenn auch im Fluge bewundern und wohl vergeblich darüber nachdenken, warum ihm dieser Ort noch vor drei Jahren vom Coupé aus gar nicht auffiel."

Ob Ender seine Eindrücke aus dem Semmeringgebiet auf einer Korrespondenz-Karte an Freunde und Verwandte in Wien schriftlich festgehalten hat? Denkbar ist es. Zumindest konnte dem Direktor die Existenz des örtlichen k.k. Post- und Telegraphenamtes, welches er von seinem Zimmerfenster aus entdeckt haben musste, nicht entgangen sein. Die Post war damals - neben der Tageszeitung - für die meisten Menschen das einzige und damit wichtigste Tor zur Welt. Und das besonders am Lande, wo die Infrastruktur bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein oft zu wünschen übrig ließ.

Dass das Reichenauer Tal bereits 1887 als erste ländliche Gemeinde Österreichs an das Wiener Telephon-netz angeschlossen wurde, war weniger auf die kommunale Bedeutung des Kurorts als auf die Anwesenheit der Habsburger, unter anderem des passionierten Jägers Franz Joseph, zurückzuführen. Sein Bruder Karl Ludwig ließ hier 1870ff Schloss Wartholz, während des Weltkrieges Wohnsitz von Kaiser Karl, errichten; 1873 besuchte Kaiserin Elisabeth das Tal, zog es aber vor, ihr Sommerdomizil in der ruhiger gelegenen Villa Warrens in Küb aufzuschlagen. (Die fälschlicherweise als "Sisi-Schloss" vermarktete Rudolfsvilla in Reichenau hat die Monarchin nie betreten.)

Dass auch Küb am Semmering 1905 ein vollwertiges Post- und Telegraphenamt erhielt, hatten die örtlichen Hotel- und Villenbesitzer einem Mann namens Alois Lechner zu verdanken. Schon drei Jahre zuvor hatte der Küber den elterlichen Hof für die Errichtung einer Postablage inklusive Telephonsprechstelle zur Verfügung gestellt - eine weise wie überfällige Maßnahme, von der auch die "Wiener Zeitung" Notiz nahm. "Am 19. d. M. (= des Monats, Anm.) wurde in Küb bei Payerbach eine k.k. Telephonstelle (öffentliche Sprechstelle) . . . dem Verkehre übergeben", meldete das Blatt in seiner Ausgabe vom 25. Mai 1902. "Die Gebühr für ein gewöhnliches telephonisches Gespräch mit den an das k.k. Telephonnetz Reichenau angeschlossenen Abonnenten-Stationen und öffentlichen Sprechstellen beträgt 20 Heller. Für ein dringendes Gespräch ist die dreifache Gebühr zu entrichten."

Das Fräulein vom Amt

Um mit der Vermittlung verbunden zu werden, musste der Kunde am sogenannten Kurbel-Induktor drehen; diese Handlung löste am Klappenschrank der zugeordneten Zentrale eine (mit der Rufnummer des Abonnenten) gekennzeichnete Klappe aus. Das Gespräch mit dem "Fräulein vom Amt" folgte einem vorgegebenen Schema, wie folgender Auszug aus der (deutschen) Reichstelegraphenverordnung zeigt:

Amt: "Hier Amt, was beliebt?" - Teilnehmer: "Wünsche mit Nummer 44 zu sprechen." - Wenn der gewünschte Teilnehmer frei war: Amt: "Bitte rufen." - Die Vermittlungskraft stellte die Verbindung zum B-Teilnehmer her. Andernfalls: Amt: "Schon besetzt. Werde melden, wenn frei." - Teilnehmer: "Verstanden."

Rufnummer 2

Bis die ersten Haushalte in Küb mit Telephonapparaten ausgestattet wurden - der "Küberhof" etwa war unter der Nummer 2 erreichbar -, blieb den Gästen der Weg ins Postamt nicht erspart. Zu den regelmäßigen Nutzerinnen der Telephonstelle zählte u.a. die Küber Villenbesitzerin Baronin Helene Vetsera, Mutter von Mary Vetsera, die sich 1889 mit Kronprinz Rudolf in Mayerling das Leben genommen hatte. Gut möglich, dass sich Oskar Ender und die Baronin in den Amtsräumlichkeiten persönlich trafen.