Zeugnis Hermine Pötschers , Absolventin der Hohenauer Mädchen-Bürgerschule 1929 und Schwiegermutter der Zeitreisenden Brigitte Weiser; r.: Schulszene. - © Bilder: B. Weiser /T. Brooks (1818-1892)
Zeugnis Hermine Pötschers , Absolventin der Hohenauer Mädchen-Bürgerschule 1929 und Schwiegermutter der Zeitreisenden Brigitte Weiser; r.: Schulszene. - © Bilder: B. Weiser /T. Brooks (1818-1892)

Kinder "beyderley Geschlechts gehören ohne Ausnahme in die Schule"! Mit dieser Forderung aus der theresianischen "Allgemeinen Schulordnung" 1774 eröffnet Mathilde Lewandowski, Payerbach, den Antwortreigen zu Frage 1 der Nro. 372 rund um hiesige Schulreformen. Das Bildungswesen stand damals unter Aufsicht der Kirche und es war ein katholischer Geistlicher, Johann Ignaz von Felbiger (1724-1788), der hinter dem Regelwerk "für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kayserl. Königl. Erbländern" stand.

Fast ein Jahrhundert später folgte, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, mit dem "nichtamtlich so genannten Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869" ein weiterer Meilenstein. Offizieller Titel: Gesetz "durch welches die Grundsätze des Unterrichtswesens bezüglich der Volksschulen festgestellt werden". Es galt, wie Gerhard Toifl, Wien 17, präzisiert, für Cisleithanien, also, vereinfacht ausgedrückt, für die österreichische Reichshälfte.

Nach der Reform gliederte sich das Primarschulwesen, so Harry Lang, Wien 12, "in "allgemeine Volksschulen" und "Bürgerschulen", welche die vormaligen Hauptschulen ersetzten."

Beim Stichwort Bürgerschule verweist Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, auch auf die "Bürgerschule zu St. Stephan", eine schon 1237 erwähnte Lateinschule, die "v.a. bis zur Gründung der Universität größte Bedeutung" hatte.

Neue Bürgerschule

"Aus Erzählungen meines Vaters (Jg. 1906)" weiß Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, dass damals "fünf Jahre Volksschule und . . . drei Jahre Bürgerschule" vorgesehen waren. Diese Dauer belegt Brigitte Weiser, Wien 8, mit einem Dokument aus ihrem Privatarchiv: dem Entlassungszeugnis ihrer Schwiegermutter (s. Abb.). Es wurde 1929 ausgestellt, zu einer Zeit, als das Modell der Bürgerschule schon auslief. Maria Thiel, Breitenfurt: "Im Zuge einer . . . Reform" wurde sie "1927 zu einer Hauptschule" umgestaltet.

Im Reichsvolksschulgesetz von 1869 wird festgehalten, dass die Volksschule "die Kinder sittlich-religiös zu erziehen, deren Geistesthätigkeit zu entwickeln . . . und die Grundlage für Heranbildung tüchtiger Menschen" zu gewährleisten hatte. Die Bürgerschule sollte "eine über das Lehrziel der allgemeinen Volksschule hinausreichende Bildung" gewähren. Herbert Beer, Wolfpassing: Außerdem sollte sie "Vorbildung für Lehrerbildungsanstalten" vermitteln.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Die Bürgerschulen standen von Anbeginn an auch Mädchen offen - anders als damals noch Gymnasien und Universitäten (siehe S. III) . . . Meine Mutter erzählte immer mit einigem Stolz, dass sie Anfang der 1920er-Jahre in der . . . Bürgerschule Französisch lernen konnte."

Da man Bürgerschulen nur in größeren Orten einrichtete, fand man für ländliche Regionen eine Alternative. Dr. Albert Axmann, Wien 23: "Achtjährige Volksschulen wurden dort eingeführt, wo es keine . . . Bürgerschule . . . in angemessener Entfernung" gab.

MedR DDr. Othmar Hartl, Linz, zur Volksschule: "Da die Anzahl der Schüler auch die der Lehrkräfte und damit der Klassen bestimmte - erst bei 80 Schülern (in drei aufeinanderfolgenden Jahren, Anm.) musste eine zweite . . . Lehrkraft bestellt werden - blieben die Volksschulen auf dem Land bis über die Mitte des 20. Jh.s . . . nur ein- bis dreiklassig."

Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, ergänzt, dass sich zwei Tiroler Volksschulen mit acht Schulstufen bis in die Gegenwart gehalten haben: In Wattenberg im Unterinntal und in Lechleiten in Außerfern. Allerdings lief die Oberstufe der VS Wattenberg mit Ende des Schuljahres 2016/17 aus.

Liberale gegen Kirche

Mit der Reform von 1869 wurde die Schulpflicht, so Mag. Robert Lamberger, Wien 4, "von sechs auf acht Jahre verlängert." An eine Jahrzehnte zurückliegende Prüfung aus Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte erinnert sich Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3, angesichts der Zeitreisennuss. Das Gesetz, weiß der Tüftler noch heute, wurde "unter dem Minister für Kultus und Unterricht Leopold Hasner von Artha" (1818- 1891) verabschiedet. Alice Krotky, Wien 20: Er "setzte sich für die Unabhängigkeit des Unterrichts" von der Kirche ein, "was ihm erhebliche Schwierigkeiten mit der Hohen Geistlichkeit einbrachte."

Harte Worte dazu von Christine Sigmund, Wien 23: "Das einfache Volk sollte sich nicht allzuviel Wissen aneignen. Umso dümmer, umso leichter zu manipulieren - und auszunutzen."

Auf § 2 des Reichsvolksschulgesetzes weist DI Wolfgang Klein, Wien 21, hin: Die Schule müsse "der Jugend ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zugänglich" sein. Brigitte Schlesinger, Wien 12, notiert, dass das Gesetz eine Ergänzung "zu den sogenannten Maigesetzen" 1868 war. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, erklärt: Dadurch fiel "die katholische Schulaufsicht über Volksschulen", die mit dem "Konkordat vom 18. August 1855 (Geburtstag des Kaisers)" festgelegt worden war.