Die Exponate, die alle aus der Pressedokumentationsstelle kommen, stehen dabei einerseits exemplarisch für die facettenreiche Rezeption von Jung-Wien, andererseits für die Reichhaltigkeit einer Sammlung, die knapp 1,3 Millionen Ausschnitte und Papierobjekte umfasst.

Bei der Frage nach der Ausstellbarkeit von Texten, insbesondere von Zeitungsausschnitten, ist man mit zumindest zwei miteinander verbundenen Herausforderungen konfrontiert: Erstens soll man nicht einfach versuchen, mit dem Ausgestellten ein Buch zu imitieren, zweitens muss man Akzente setzen, eben weil ein Anspruch auf Vollständigkeit weder machbar noch wünschenswert ist. Die Notwendigkeit der Auswahl meint also im besten Sinne das programmatische Setzen von Betonungen.

Das Archiv als "unterirdischer Himmel" (so der Schriftsteller Martin Walser) lädt als (Material-)Fundament aber nicht nur zum Nachzeichnen schon bekannter Bezüge ein, vielmehr erlaubt es auch Verbindungen zu den Exponaten aktiv herzustellen.

Verbindungen knüpfen

Arthur Schnitzlers "Reigen" zählt bis heute zu den bekanntesten Stücken dieses Schriftstellers, der "Remix" des Grazer Brutaldramatikers Werner Schwab war nicht weniger umstritten als seine Vorlage: Posthum uraufgeführt zeigen die erhaltenen Belege den die Aufführung begleitenden Rechtsstreit mit Schnitzlers Erben. Zugleich wurden die Schlagzeilen selbst erneut in anderen Tageszeitungen als Collagen abgedruckt.

Die Wiederentdeckung von Jakob Julius David, der auch für die "Wiener Zeitung" tätig war, unternahm Karl-Markus Gauß über den Weg eines verspäteten Nachrufs. Gauß’ sensible Zeilen erinnern an einen wiederzuentdeckenden Prosaschriftsteller und sind als Objekt ganz vorsätzlich sowohl im Original als auch als kommentierte Archivkopie in der Ausstellung zu sehen.

Die Verbindungen zwischen dem Avantgardisten Oswald Wiener und Felix Salten, dem zumindest der erste der "Mutzenbacher"-Romane zugeschrieben werden kann, sind mannigfaltiger: Wiener hat sich nicht nur in einem mehrfach veröffentlichten Essay mit dem anonym publizierten Bericht einer Wiener Prostituierten beschäftigt, sondern auch eine sprachgeschichtliche Studie zum einschlägigen Vokabular darin erarbeitet. Die Belege zu Wieners Wirken stützen dabei die Verbindung zwischen ihm, Salten und dem viel zitierten, aber wohl weit weniger oft gelesenen Roman - übrigens auch auf der Ebene der nachträglichen Beschlagwortung der Ausschnitte.

Dieses Ausstellen von Verbindungen, seien sie nun bekannt oder ganz neu, steht im Einklang mit dem gewählten Schwerpunkt, der Rezeption. Unter "Rezeption" finden sich unterschiedliche Interessen gebündelt, wie etwa die Sozialgeschichte der Literatur, genuine literarische Kontakte und Einflüsse oder die Dokumente der Auseinandersetzung. "Rezeption" meint aber immer auch Fragen der Lektüre.