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087 - „Als Blinder hab ich einen Startvorteil“

U-Bahn-Mitreisende, die diskutieren, ob er wirklich blind ist, und Passant:innen, die seinen abgelegten Blindenstock aufheben und einem alten Mann in die Hand drücken: Patrick Bitzinger hat schon vieles erlebt. Dass er mit 14 Jahren erblindet ist, sei für sein Umfeld schwieriger gewesen als für ihn selbst, meint Patrick. Er machte die Ausbildung zum Masseur – „mit einem gewissen Startvorteil“.

25 Min

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In Wien stoße er auf nur wenige Barrieren, meint Patrick.
© Illustration: WZ

Als er erblindete – eine Folgeerscheinung des Wasserkopfs, mit dem er geboren worden war –, schärften sich seine anderen Sinne stufenweise, erzählt Patrick. Er zog vom Waldviertel nach Wien, besuchte das Blindeninstitut, erlernte die Brailleschrift und absolvierte die Ausbildung zum Masseur der Medizinischen Massage und der Heilmassage.

Ein Sehender könne sich die Fähigkeit, Knoten und Triggerpunkte zu erkennen, zwar genauso aneignen, meint er, es gebe allerdings mehr Naturtalente unter den blinden Masseur:innen. Dadurch habe er „natürlich einen gewissen Startvorteil".

Wien hält er – im Vergleich zu anderen Städten – für sehr barrierefrei, sagt Patrick im WZ-Podcast „Weiter gedacht“ zu Host Petra Tempfer, die gemeinsam mit Mathias Ziegler durch die Folge führt. Auch die Wiener:innen erlebe er generell als freundlich. Beschimpft sei er bisher nur ein einziges Mal worden: vor der U-Bahn-Tür, als er zu früh einsteigen und ein Mitreisender nicht wahrhaben wollte, dass er blind ist. Auch, als er einmal versehentlich einen älteren Herrn umrannte, war den Passant:innen nicht gleich klar, wem der Blindenstock auf dem Boden gehörte.

Produziert von „hört hört!“.

Patrick Bitzinger im Podcast-Studio mit WZ-Host Petra Tempfer.
Patrick Bitzinger im Podcast-Studio mit WZ-Host Petra Tempfer.
© Mathias Ziegler

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Patrick Bitzinger ist 30 Jahre alt und ausgebildeter Masseur der Medizinischen Massage und der Heilmassage in Wien. Er ist im Waldviertel geboren und aufgewachsen. Patrick Bitzinger kam mit einem Wasserkopf zur Welt. Daraufhin wurde ihm eine Drainage (Shunt) vom Gehirn in den Bauch gelegt, damit die Gehirnflüssigkeit abfließen kann. Einmal im siebten und zweimal im 14. Lebensjahr war diese Leitung blockiert, sodass sich der Gehirndruck erhöhte, wodurch die Sehnerven irreparabel gequetscht wurden. Seitdem sieht Patrick Bitzinger nur noch Umrisse bis zu einer Entfernung von zwei bis drei Metern.

Daten und Fakten

  • Der Armenbezirksdirektor der Josefstadt, Johann Wilhelm Klein (1765–1848), begründete 1804 als Privatinstitution eine Kinderblindenschule. 1810 übersiedelte diese aus seiner Wohnung in die Große Steingasse 213 (6, Stumpergasse 6) und wurde 1816 in ein Staatsinstitut umgewandelt (erstes Blindeninstitut Österreichs). 1829 kam das Institut, da der Platz zu eng geworden war, in ein angekauftes Haus in der Brunngasse (8., Blindengasse 33), wo es am 4. Oktober 1830 als K. k. Blindeninstitut eröffnet wurde. Heute befindet es sich in der Wittelsbachstraße 5 in Wien-Leopoldstadt (Wien Geschichte Wiki).
  • Das Bundes-Blindeninstitut Wien bietet von der Pflichtschule bis zur Berufsausbildung verschiedene Bildungsgänge an. In einigen Schuljahren hat es bis zu elf verschiedene Förder-, Lehr- und Ausbildungspläne. Durch alle Arten des Unterrichts ziehen sich die methodischen und didaktischen Grundsätze zur Förderung von Schüler:innen mit Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung.
  • Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt eine Person dann als blind, wenn sie das, was eine Person mit normalem Sehvermögen aus einer Entfernung von 60 Metern erkennen kann, nur in einer Entfernung von weniger als drei Metern erkennt (ICD-10 H53 bis 54).
  • 200 Jahre Brailleschrift: Im Jahr 1925 erfand der blinde Franzose Louis Braille die nach ihm benannte Schrift, bei der kleine Punktmuster von hinten in das Papier gepresst sind. Diese erhabenen Punkte werden mit den Fingerspitzen ertastet.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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