Wien. Eines der Kinder steckt bis zum Ellenbogen in der Erde: Im Gemüsebeet buddelnd lernt es, wo biologische Lebensmittel herkommen. Die Familie eines anderen Schülers wohnt auf dem Hof, neben der "Schule am Bauernhof" gibt es hier ein Tageszentrum für ältere Menschen, eine Tür weiter probt ein Chor. Was derzeit noch Utopie ist, soll in einem Jahr Realität sein: Anfang 2015 soll der Kindergarten seine Pforten öffnen, im Herbst die Schule.

Die Schule als Teil der Lebensgemeinschaft

"Die Generationen sollen zusammengebracht werden", erklärt Tom Vogel. Denn dass ältere Menschen im Altersheim vereinsamen, während Kinder mindestens zehn Jahre ihres Lebens ebenfalls abgeschottet von der restlichen Welt verbringen, will der Arzt nicht akzeptieren. Seit zehn Jahren brodelt die Idee in ihm, mit einigen Sozialarbeitern und einer weiteren Allgemeinmedizinerin hat er den Verein "LebensGut Miteinander" gegründet.

Der Traum vom guten Leben miteinander soll in einem alten Kloster verwirklicht werden, auf 16 Hektar erstreckt sich das Gut im niederösterreichischen Rohrbach. Für das Vier- bis Fünf-Millionen-Euro-Projekt werden noch Investoren gesucht, beim Finanzierungskonzept hat Michael Karjalainen-Dräger beraten. Als ehemaliger Leiter der Lernwerkstatt Baden hat er Erfahrung mit Schulgründung: In Baden wurden 15 Schüler zwischen 6 und 15 Jahren in einer Gruppe unterrichtet; für den altersübergreifenden Unterricht hat er ein eigenes reformpädagogisches Konzept entwickelt. Er stößt sich daran, dass nur konfessionellen Privatschulen Förderungen bekommen - ihre Lehrer werden immer vom Staat bezahlt -, und unterstützt daher eine derzeit laufende Bürgerinitiative "zur Gleichstellung aller Privatschulen".

Karjalainen-Dräger berät mit seiner Initiative (siehe Wissen) Menschen, die "in diesem Schulsystem nicht weitermachen wollen". Doch wer eine Schule gründen will, "rennt gegen riesige Mauern an", berichtet Doris Knapp. Die Sonderpädagogin und ihr Mann leiten ein Nachhilfeinstitut in Tirol, auch sie wollten ursprünglich eine private Volksschule gründen. Doch der Schulbau scheiterte an den gesetzlichen Vorschriften, Fluchtwege und Toiletten entpuppten sich für das Projekt als regelrechte Falltüren. Seit diesem Schuljahr unterrichtet Knapp vier Kinder im "häuslichen Unterricht" in den Räumen der Nachhilfeschule, darunter zwei ihrer eigenen.

Beim häuslichen Unterricht geht es auch um Leistung

Das erste Jahr sei schwierig, sagt Knapp, denn man müsse die Menschen erst überzeugen, "aber das Interesse ist groß." An der Volksschule, die ihre Kinder vorher besucht haben, hat sie die hohe Schülerzahl gestört ("auch die beste Lehrerin kann nicht auf 24 Kinder eingehen"), und Montessori sei zu wenig leistungsorientiert ("‚Wir lernen, so viel wir wollen‘, kann es nicht heißen"). Die Pädagogin geht im Schulalltag darauf ein, welche Ideen von den Kindern kommen, und konzentriert sich auf Fähigkeiten statt auf Fehler. Der Schulalltag besteht neben Mathematik und Deutsch auch aus Lagerfeuer und Alpenzoo - Ausflüge, für die den Eltern oft die Zeit fehlt.

Im Winter geht die kleine Klasse häufig Eislaufen, einer der Schüler wird nach sonderpädagogischem Lehrplan unterrichtet und nimmt demnächst bei lokalen Special Olympics teil. Von der "täglichen Turnstunde", die immer wieder von Politikern gefordert wird, will Knapp aber nichts wissen: Denn alles, was mit Zwang passiert, würde den Kindern den Spaß verderben.