Wien. Ein Abend zum Thema Bildung, an dem das Wort Gesamtschule nicht fällt? Und das in Österreich? Ja, das gibt es - aber nur, wenn die ÖVP Gastgeberin ist. Zur Diskussion am Montagabend hatten Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner und Staatssekretär Harald Mahrer nicht nur Experten, sondern auch Bildungssprecher der anderen Parteien eingeladen. Gemeinsam beriet man in Workshops über Verbesserungen im Schulsystem.

Neuer Kurs in der Debatte

Mitterlehner betonte, er wolle "den Diskurs in eine andere Richtung bewegen". "In der Öffentlichkeit reden wir viel über Struktur - wenn wir uns im Kleinen treffen, reden wir wahnsinnig viel über Inhalt oder Qualität", schlug Mahrer in dieselbe Kerbe.

"Die Strukturdebatte ist beliebig", befindet auch Stefan Hopmann, Professor für Bildungswissenschaft an der Uni Wien. Auch er besuchte die Veranstaltung und sagt gegenüber der "Wiener Zeitung", die gemeinsame Schule sei kein Allheilmittel: "Die Schule kann soziale Unterschiede nicht aus eigener Kraft ausgleichen." Die Forschung habe gezeigt, dass mit der Gesamtschule andere Formen der Differenzierung mit teils noch härteren Umverteilungseffekten einhergehen, so Hopmann: "Das Problem verschwindet nicht. Es zeigt sich weltweit, dass Segregation auf dem Vormarsch ist."

Doch auch der Formel "Qualität statt System" kann der Bildungsexperte wenig abgewinnen: Aus der Forschung sei bekannt, dass sich Schulen vor allem durch Autonomie verbessern: "Schulen müssen unterschiedlich sein dürfen. Es ist nicht dasselbe, ob ich in Linz, Simmering oder Hermagor unterrichte." Doch anstatt die Schulen in ihrer Autonomie zu stärken, habe Österreich in den vergangenen zehn Jahren vor allem in Standards investiert und die Direktoren haben bei der Geldverteilung oder Personalentscheidungen nach wie vor wenig Freiheit.

Mitterlehner lobte am Montag die rund 1000 Schulversuche in Österreich. "Schulversuche sind die österreichische Form der Nichtentscheidung", sagt dazu Hopmann: Verschiedene Konzepte zu testen und das Beste allen Schulen aufzuerlegen, sei falsch. Er betont, jede Schule habe andere Voraussetzungen, die durch zentrale Steuerung nur schwer bewältigbar seien.

Trotz Bildung ohne Arbeit

Hopmann spricht sich wie Jörg Dräger, der ebenfalls am Montag zugegen war, für mehr Verteilungsgerechtigkeit aus: Anstatt in zusätzliches Kinderbetreuungsgeld zu investieren, sollten beispielsweise Kindertagesstätten verbessert werden, so Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stifung und ehemaliger Wissenschaftssenator der Stadt Hamburg. Die Rechnung "höheres Bildungsniveau ergibt weniger Transferleistungen" würde nicht aufgehen, und sei "naive OECD-Mathematik", so Hopmann. Vor Arbeitslosigkeit sei heute niemand mehr gefeit, auch nicht bei guter Bildung.

Der Idee, den Schulbeginn vorzuverlegen, kann Hopmann nichts abgewinnen. Die vor einigen Wochen von der Industriellenvereinigung eingebrachte Vorverlegung des Alters für den Eintritt in das Schulsystem ist für Hopmann ein "Schuss in den Ofen": Diese Maßnahme wäre nicht nur teuer, sondern würde auch wenig bringen, wie Beispiele in Norwegen zeigen. "Es wäre viel sinnvoller, den Kindergarten qualitativ aufzustellen. Leider wurde das bei der Reform der Lehrerausbildung nicht umgesetzt. Wir brauchen keine Verschulung des Kindergartens, aber mehr Kompetenz in der Elementarpädagogik."

Was sagt eigentlich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek dazu, dass sich die ÖVP sich seit Neuestem als Bildungspartei positioniert? "Wir freuen uns über den neuen Schwung in der Bildung. Die Erwartungshaltung, dass sich nun etwas tut, ist sehr hoch", heißt es aus dem Bildungsministerium.

Das Ministerium war bei der Veranstaltung übrigens nicht eingeladen. Umso gespannter sei man auf die Ergebnisse, die eine Arbeitsgruppe zwischen Bund und Länder im März präsentieren wird. Erste Inputs soll es schon im Jänner geben.