Teamarbeit ist immer mehr gefragt. Nicht nur im Beruf - auch in Schule und Studium. - © Fotolia/Rawpixel
Teamarbeit ist immer mehr gefragt. Nicht nur im Beruf - auch in Schule und Studium. - © Fotolia/Rawpixel

Wien. Jahr für Jahr werden gerade um die Zeit des Schulbeginns Rufe laut, das System grundlegend zu verändern. Sowohl Bildungsexperten als auch die Wirtschaft nehmen vor allem die Reformpädagogik als Stütze für ihre Überlegungen. Weg von starren Einheiten und Frontalunterricht, hin zu offenem, fächerübergreifendem und selbstbestimmtem Lernen. Der Weg dorthin scheint gar nicht so schwer zu sein, wie viele meinen. Doch müsse eine Umorientierung von unten herauf wachsen, betont der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Eine politische Zwangsverordnung wäre der völlig falsche Weg.

Abwehrhaltung durch Zwang

Denn durch Zwänge nehmen Menschen Abwehrhaltungen ein. Sinnvoll sei hingegen, sowohl Lehrer als auch Eltern und Schüler zu motivieren, einen Umbauprozess von unten nach oben zu beginnen. Verändert sich Schule nämlich dort, wo sie stattfindet, nämlich in den Klassenzimmern, durch Eigeninitiative, dann könne Veränderung erst beginnen. Häufig werden die gesetzlichen Vorgaben als Hinderungsgrund genannt. Doch der Spielraum, den Schulen vor Ort tatsächlich haben, sei viel größer, als es die meisten Schulen überhaupt nutzen. Dies funktioniere allerdings nur dann, wenn sich alle einig sind, den neuen Weg gemeinsam zu gehen - Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler in ihrer Gesamtheit.

Letzten Endes sei die Politik gefordert, die entsprechenden Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass es zu nachhaltigen Erfolgen kommen könne. Durch das von Hüther und der deutschen Pädagogin Margret Rasfeld für Deutschland und Österreich initiierte Projekt "Schule im Aufbruch" soll "die Transformation von Regelschulen" erreicht werden und damit die des gesamten Bildungssystems. "Schulen, die sich auf den Weg machen wollen, werden von uns Unterstützung finden", betont Hüther.

Im Rahmen des zuletzt in Wien stattgefundenen Kongresses "Pädagogik im Aufbruch" forderte nicht nur der Neurowissenschafter auch Veränderungen bei der Ausbildung der Lehrer ein. Denn würden sich auch die Hochschulen dem Aufbruch anschließen, "hat man gewonnen", erklärte Hüther.

Lehramt neu

Mit seinem Verein Fokus:Bildung befindet sich der Psychotherapiewissenschafter Thomas Stephenson von der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) in Wien auf dem besten Weg hin zu einer Neuorientierung der pädagogischen Ausbildung. So soll ein Studienort geschaffen werden, "an dem Studierende aus einer Lernmotivation heraus, Fragen aus der Praxis stellen und wissenschaftlich erforschen", erklärt der Leiter des Projekts Pädagogik und Bildungswissenschaft an der SFU. Eine Fragestellung könnte sein, was passiert, wenn man Kindern aus verschiedenen Kulturen einen Raum eröffnet, in dem sie sich gegenseitig unterrichten. Wie entwickeln sich Sprache und Können? Welche Bedingungen braucht es zur Realisierung?

Die Projekte der Studierenden sollen generationen-, regionen- und professionsübergreifend vonstatten gehen. Auch die Praxis im schulischen Alltag dürfe dabei nicht zu kurz kommen. Schließlich ginge es darum, Pädagogen hervorzubringen, die es schaffen, Schülern bei der Entfaltung ihrer Potenziale zu unterstützen und tiefgehendes, nachhaltiges Lernen zu ermöglichen, betont Thomas Stephenson.

Lehrer sollten eine Art Rakete sein, um ihre Schüler motivieren zu können - Lernbegleiter sei zu wenig, betonte wiederum Hüther bei einem Round-Table-Gespräch im Rahmen des Kongresses. Es sei wichtig, Erfahrungen selbst zu machen und sich den Stoff im Team zu erarbeiten. "Pädagogikstudenten, die selbst so lernen, werden nie mehr frontal unterrichten."

Andre Stern, Musiker und Autor des Buches "...und ich war nie in der Schule", warnte davor, das angeborene Feuer der Kinder zu löschen. In den vergangenen Jahrzehnten hätte Schule es vollbracht, Spielen und Lernen voneinander zu trennen. Er sieht das Spielen als wichtiges Lernwerkzeug und letzte Freiheit des Menschen. In dieselbe Kerbe schlägt auch Gerald Hüther: Bleibt die Lust am Spielen, Entdecken und Gestalten erhalten, "lernen Kinder besser, wie man sich in einer komplexen Welt zurechtfindet". Hier kann Schule dann unterstützend eingreifen, wenn die Pädagogen auch entsprechendes Wissen darüber mitbringen.

Ab Herbst sind seitens des Vereins Fokus:Bildung an der SFU erste Weiterbildungsprogramme geplant. Das runderneuerte Lehramtsstudium à la Montessori & Co. soll in rund einem Jahr eingeführt werden.