Seit Jahrzehnten versuchen Pädagogen und Bildungswissenschafter immer wieder, die alten Strukturen im Bildungssystem Schule aufzubrechen. Was macht es so schwer?

Viele Reformschulbewegungen stammen aus den 1920er Jahren. Viele sind gescheitert. Die Gesellschaft konnte mit solchen jungen Menschen nichts anfangen - mit kreativen, gestaltungswilligen und selbstverantwortlichen. Hätten wir in den 1920er Jahren Kinder über Reformschulen großgezogen, hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Diese Menschen lassen sich nicht einreden, dass andere Menschen Untermenschen sind. Sie können sich selbst ein Urteil bilden, Selbstverantwortung übernehmen und sich gemeinsam mit anderen gegen etwas, was ihnen zugemutet wird, wehren. Erst jetzt ist erstmals die Chance für Veränderung. Denn die bisherigen Rezepte der Gesellschaft sind auf fast allen Ebenen gescheitert. Weder Politiker noch Universitätsprofessoren wissen, wie es jetzt weitergeht - mit dem Sozialsystem, dem Bildungssystem, den Gesundheitssystemen, inzwischen sogar mit den Wirtschafts- und Finanzsystemen. Da muss etwas Grundsätzliches geschehen. Das derzeitige gesellschaftliche Klima bietet günstige Bedingungen, sich auf den Weg zu machen, um das, was in Schulen passiert, aber vielleicht auch in Krankenhäusern, Altenheimen oder in Flüchtlingsheimen, selbstverantwortlich in die Hand zu nehmen.

Zur Person

Gerald

Hüther

Der Hirnforscher und Sachbuchautor ist Professor für Neurobiologie an der Uni Göttingen. Er versteht sich als Brückenbauer zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher Lebenspraxis.