Wien. (temp) Dass Österreichs 15-Jährige im OECD-Vergleich massive Leseschwächen haben, ist seit Einführung der Pisa-Studie im Jahr 2000 bekannt. Nun weiß man eine der möglichen Ursachen: Auch die Erwachsenen verfügen über eine niedrige Lesekompetenz, wie die erste OECD-Studie "Programme for the International Assessment of Adult Competencies" (PIAAC), eine Art "Erwachsenen-Pisa" für 16- bis 65-Jährige, ergeben hat. 17 Prozent können demnach nicht gut lesen - das entspricht rund einer Million Personen. Damit liegt Österreich unter dem OECD-Schnitt. Anders in der Alltagsmathematik, in diesem Punkt schnitt man hierzulande überdurchschnittlich gut ab. Beim Problemlösen am Computer lagen die Österreich-Werte fast genau im OECD-Schnitt. Interessant dabei: Männer erzielten in sämtlichen getesteten Bereichen - also sowohl beim Lesen als auch in der Alltagsmathematik und beim Problemlösen - die besseren Ergebnisse.

Alarmierend ist, dass 1,8 Prozent überhaupt nicht an PIAAC teilnehmen konnten. Sie verfügten über zu geringe Lese- und Sprachfähigkeiten. 2,5 Prozent konnten höchstens konkrete einzelne Informationen in kurzen Texten identifizieren, bei ihnen war das Verständnis für Satzstrukturen nur in geringem Ausmaß vorhanden. 12,8 Prozent verstanden zwar kurze Texte in unterschiedlichen Textformaten (digital oder gedruckt), allerdings hatten sie Probleme, längere Texte mit widersprüchlicher Information zu verstehen.

PIAAC testete die Kenntnisse der Bevölkerung in 24 Staaten in den Bereichen Lesen, Alltagsmathematik und Problemlösen im Kontext neuer Technologien ab. Der Fokus lag dabei auf der Überprüfung von für Beruf und Alltag relevanten Schlüsselkompetenzen. Dazu zählen das Lesen und Verstehen kurzer Texte oder das Lösen einfacher Rechnungen, wie sie etwa beim täglichen Einkauf erforderlich sind. In Österreich wurden 5100 zufällig ausgewählte Personen von der Statistik Austria befragt, Sozial- und Unterrichtsministerium finanzierten die Studie. Weltweit nahmen 166.000 Personen teil.

Beste Ergebnisse in Finnland, Schweden und Norwegen

Die besten Ergebnisse erzielten Finnland, Schweden, Norwegen und die Niederlande. Diese Länder landeten in allen drei Testbereichen über dem OECD-Durchschnitt. In keinem einzigen Bereich über dem OECD-Schnitt und damit besonders schlecht schnitten Großbritannien (England, Nordirland), Südkorea, Zypern, Frankreich, Italien, Spanien, die USA, Polen und Irland ab.

Österreich bewegt sich zwar nahe dem Durchschnitt, Sozialminister Rudolf Hundstorfer sieht dennoch "Handlungsbedarf für die österreichische Bildungs- und Weiterbildungspolitik". Größtes Augenmerk müsse auf die Weiterbildung niedrigqualifizierter Menschen gelegt werden, weil das Risiko, arbeitslos zu werden, für diese Gruppe dreimal höher sei. Generell muss laut Hundstorfer das Weiterbildungsangebot in Österreich verstärkt werden, zudem sprach sich der Minister einmal mehr für eine Ausbildungsverpflichtung aus. Vorbild seien die Niederlande, wo alle Jugendlichen bis 18 Jahre irgendeine Art von Bildung oder Weiterbildung absolvieren müssen. Ein "Traumziel" für Hundstorfer wäre das Recht auf Bildungskarenz für Arbeitnehmer.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied will indes das Tempo beim Ausbau qualitativ hochwertiger Bildungsangebote von der Elementarpädagogik bis hin zur Erwachsenenbildung erhöhen. "Auch diese Studie zeigt, dass die Bildungsreform fortgesetzt werden muss", sagte die scheidende Ministerin. Zentrale Aufgabenstellungen seien die Absicherung von Grundkompetenzen und die Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Schwere Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben in Österreich Schätzungen der Unesco zufolge rund 600.000 Menschen - sie gelten als Analphabeten. Eine gewisse Sensibilisierung gegenüber diesen ist bereits zu merken. So wird etwa seit 2007 die Alphabetisierung vom Unterrichtsministerium und dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Bereits 2006 ist im Zuge des überinstitutionalen Projektes "Basisbildung und Alphabetisierung" das "Alfatelefon" ins Leben gerufen worden. Die anonyme Hotline hilft bei der österreichweiten Kurssuche. Auffällig sei, dass die Zahl der Anrufe steigt, heißt es von der Koordinationsstelle in Linz.

Der markante Anstieg sei als Resultat der wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen zu werten. "Allein für das Lösen einer Fahrkarte muss man heute lesen können, weil es mehr Automaten als Schalterbeamte gibt", heißt es. Auch die Zahl der beruflichen Nischen, in denen ein Analphabet unentdeckt bleiben kann, schrumpfe stetig.

PIAAC auf einen Blick

Alter: Die jüngeren Testpersonen erbringen bessere Leistungen als die älteren - das gilt sowohl für Österreich als auch für die OECD gesamt. In Österreich erzielt die Personengruppe um die 30 Jahre die besten Werte. Die 16- bis 24-Jährigen zeigen in Österreich sehr gute Leistungen bei der Alltagsmathematik und liegen hier signifikant über dem OECD-Schnitt der Gleichaltrigen. Beim Lesen und Problemlösen im Kontext neuer Technologien sind die Ergebnisse der jungen Österreicher im internationalen Vergleich durchschnittlich.