Wien. Der Fingernagel ist nur wenige Millimeter groß, der ganze Körper passt in eine Erwachsenenhand. Frühgeborene sind kleiner, dünner und zarter als Babys, die nach neun Monaten zur Welt kommen.

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Heute kommt in Österreich jedes 12. Kind zu früh auf die Welt. "Wir haben uns auf einem relativ hohen Niveau eingependelt, die Zahl der Frühgeborenen steigt derzeit nicht weiter an", sagt Angelika Berger, Leiterin der Abteilung für Neonatologie, Pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie an der MedUni Wien. Dass die Frühgeburten nicht mehr zunehmen, erklärt sie mit Aufklärung, auch in der Reproduktionsmedizin: "Es wird mehr darauf geachtet, nur einen oder zwei Embryonen einzusetzen", sagt Berger.

Ältere Mütter als Risiko

Denn mit In-vitro-Fertilisation steigt die Wahrscheinlichkeit für Mehrfachgeburten und Zwillinge oder Drillinge kommen wiederum oft zu früh zur Welt. Auch Infektionen in der Schwangerschaft, Stress oder Rauchen vergrößert das Risiko einer Frühgeburt. Berger: "Rauchverbote im öffentlichen Raum könnten die Frühgeburtenrate um ein halbes Prozent senken. Das klingt nicht nach viel, betrifft aber viele Kinderleben." Doch der größte Risikofaktor für eine Frühgeburt ist das hohe Alter der Mutter: Im Schnitt sind Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes heute 30 Jahre alt.

Die Frühgeburt zeichnet sich meist nicht ab, Blasensprung und Wehen treten oft ganz plötzlich bei einer unkomplizierten Schwangerschaft ein. Wird das Kind im Mutterleib schlecht versorgt, kann die Frühgeburt auch medizinisch eingeleitet werden. In beiden Fällen stellt die Frühgeburt für die Eltern oft ein Trauma dar, schließlich waren sie auf eine neunmonatige Schwangerschaft eingestellt.

Jedes Kind, das mit unter 1500 Gramm geboren wird – das wiegt es etwa in der 32. Woche – kommt auf die Neonatologie, die Frühgeborenenstation. Ob Brutkasten oder nicht, hängt von der Größe ab. In diesem erhalten sie Infusionslösungen, Surfactant für die Lungenfunktion und eine Atemunterstützung. Neben Intensivmedizin spiele aber auch eine sogenannte entwicklungsfördernde Betreuung eine wichtige Rolle, betont Berger: "Das Gehirn ist noch vollkommen unreif, die Gehirnrinde noch ohne Nervenzellen. Somit erfahren die Kinder an unserer Intensivstation einen Großteil ihrer Gehirnentwicklung."

Weniger Lernschwächen bei guter Betreuung

Dabei spielen Licht-, Lärm- und Stressreduktion eine große Rolle. Auch frühe Elternintegration in die Pflege des Kindes ist Teil dieser Betreuungsphilosophie. Kinder, die nach entwicklungsfördernden Betreuungskonzepten versorgt werden, weisen später weniger Beeinträchtigungen wie Lernschwächen, Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) oder Konzentrationsstörungen auf. "Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass sich Kinder durch solche Maßnahmen deutlich besser entwickeln", so Berger, die die baulichen Voraussetzungen dafür kritisiert: Es gebe zu wenige Eltern-Kinder-Zimmer.

Ab wann Frühgeburten medizinisch versorgt werden, ist von Land zu Land unterschiedlich. In Österreich beginnt die Versorgung in der 23. Schwangerschaftswoche, in anderen Ländern haben einzelne Kinder auch überlebt, nachdem sie in der 21. oder 22. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen sind. "Doch hier liegt das Sterblichkeitsrisiko weit über 90 Prozent", sagt Berger, und betont: Sehr wichtig sei es, dass die frühgeborenen Kinder in spezialisierten Zentren zur Welt kommen und nicht erst nach der Geburt dorthin transferiert werden.

In Österreich gibt es 22 Abteilungen für Neonatologie, Perinatalzentren für die Versorgung auch extremst unreifer Kinder stehen an den Unikliniken Graz, Salzburg, Innsbruck sowie in Linz und Klagenfurt zur Verfügung. In Wien sind es das SMZ Ost und das AKH Wien, wobei im AKH Kinder schon ab der 23. Woche versorgt werden. Hierzulande ist die Überlebensrate von Frühgeborenen sehr hoch, doch weltweit sterben täglich 3000 Kinder an den Folgen einer Frühgeburt, wie eine US-Studie zeigt, die am Montag veröffentlicht wurde.

In der Neonatologie am AKH Wien überleben schon in der 23. Woche 60 bis 70 Prozent der Frühgeborenen. "Aber das setzt voraus, dass die Mütter schon vorab in das Zentrum gebracht werden", sagt Berger. Sie betont, neben der Überlebensfähigkeit sei auch die Lebensqualität wichtig. Denn dass bei Frühgeborenen die Organe noch nicht voll entwickelt sind, kann langfristige Folgen haben, besonders gefährdet ist beispielsweise die Lunge: Zu früh Geborene haben oft bis ins junge Erwachsenenalter eine verminderte Lungenfunktion. Doch die meisten klinischen Symptome verschwinden nach  kurzer Zeit, nachdem die Kinder einige Winter mit mehr oder stärkeren grippalen Infekten hinter sich haben. "Ein normal geborenes Kind bekommt Schnupfen, ein Frühgeborenes öfter eine Bronchitis oder eine Lungenentzündung", erklärt Berger.

Die Betreuung geht weiter

Weitere Gefahren sind Spastik, Gehirnblutungen oder geistige Beeinträchtigung. "Die Betreuung der Kinder endet nicht damit, dass sie die Intensivstation verlassen", betont Berger. Standardisierte Nachuntersuchungen im Alter von zwei und fünf Jahren sind vorgesehen für alle Frühgeborenen, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Dass selbst an der Grenze der Überlebensfähigkeit weniger als 20 Prozent schwere Beeinträchtigungen oder Entwicklungsverzögerungen haben, bezeichnet Berger als "Meilenstein, der in den letzten fünf Jahren stattfand."