Wien. Lehrerausbildung, Lehrerdienstrecht, Lehrermangel: Über kaum einen Berufsstand wurde jüngst in den Medien so viel diskutiert wie über jenen der Lehrer. Selbst zu Wort kommen sie aber selten. Gar nicht medienscheu ist Volksschullehrer Markus Hauptmann, das wäre mit seinem Zweitberuf als Kabarettist auch schwer vereinbar. Kurz bevor sein neues Programm "Teach Me If You Can" am Montag in der Wiener Kulisse Premiere feiert, traf ihn die "Wiener Zeitung".

******

"Wiener Zeitung": Wir sitzen hier in dem Kaffeehaus Zuckergoscherl, in dem ich früher Schule geschwänzt habe.

Markus Hauptmann: Lustig! Meine Frau hat auch hier geschwänzt.

Bald sollen die Eltern bis zu 440 Euro Strafe zahlen, wenn die Schulpflicht verletzt wird.

Also in der Volksschule ist das kaum Thema. Aber sehr cool, dass auch einmal was gegen die Schüler gemacht wird. Nein, im Ernst: Ich bin dagegen. Schule schwänzen gehört zur Persönlichkeitsbildung dazu. Wer das nicht gemacht hat, mit dem stimmt was nicht. Jeder sollte zumindest einmal geschwänzt haben.

Sie machen Kabarett. Ist das Klassenzimmer auch eine Art Bühne?

Es hilft auf jeden Fall, meine Kids lachen verdammt viel. Um Lehrer zu werden, braucht man viel Kreativität, wie im Kabarett.

Brauchen Lehrer denn Humor, um im Schulbetrieb zu überleben?

Absolut, sonst stirbt man dort, auch was das Lehrer-Bashing betrifft.

Wie erklären Sie sich dieses Bashing?

Intellektuell ausbaufähige Tageszeitungen bauen sehr gerne Feindbilder auf. Aber es wurde niemandem verboten, Lehrer zu werden. Und wenn es ein so paradiesischer Job ist, warum gibt es dann den Lehrermangel? Wenn bei meinen Buchstabentagen Eltern mithelfen, sagen sie nachher: "Ich könnte das nicht machen."

Kein Geld, keine Anerkennung: Warum wird man Lehrer?

Bei mir war es keine Berufung, ich habe Jus abgebrochen, und erst mit dem Berufseinstieg war klar, dass das Unterrichten meins ist. Und zum Geld: Kabarett ist ein guter finanzieller Ausgleich, Aber man jammert auf hohem Niveau, viele verdienen weniger als wir.

Wie viel verdienen Sie?

Circa 1900 Euro netto, im 17. Dienstjahr. Aber ich bin mit meinem Fiat auch glücklich.

Sie unterrichten in einer Ganztagsschule, Ihr Kind wollen Sie aber nicht in eine Ganztagsschule geben. Warum?

Ich mag die Entscheidungsfreiheit. Meine Frau ist auch Lehrerin, wir wollen am Nachmittag Zeit mit dem Kind verbringen.

Lesetest, Känguru-Mathematiktest: Was halten Sie von Leistungstests in der Volksschule?

Ich sehe nicht ein, warum man Kinder so hinzutrimmen sollte, dass sie Tests bestehen. Die sind wirklich schwer, manchmal sitzen wir im Lehrerzimmer und fragen uns: Wie geht das überhaupt? Es wird immer mehr verlangt, Dinge, die dem Alter nicht entsprechen. Wenn sie es ohne Test nicht lernen, dann auch nicht mit. Es geht dabei doch nur darum, zu rechtfertigen, dass wir etwas tun, und nicht um die Kinder.

Wie fördert man 25 unterschiedlich begabte Kinder, die wie in Ihrem Fall mehr als die Hälfte nicht Deutsch als Muttersprache haben?

Alleine geht das nicht. In der Ganztagsschule sind wir zu zweit in einer Klasse, da geht das. Sobald ein paar Kollegen auf Krankenstand sind, geht es nicht mehr.

Sind fehlende Deutschkenntnisse wirklich ein so großes Problem?

Überhaupt nicht. Ich kenne Kinder mit türkischem Hintergrund, die sprechen phasenweise schöneres Deutsch als jene aus Wien. Die wollen ja Deutsch verstehen. Aber in der Halbtagsschule ist das sicher schwieriger.

Wie lange braucht ein Kind, um Deutsch zu lernen?

Ein ungarisches Kind kam in der 3. Klasse nach Wien, also relativ spät. Innerhalb eines Jahres sprach es sehr gut Deutsch, aber die Eltern waren in diesem Fall auch sehr dahinter.

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz hatte ja die Idee, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen in Vorschulklassen zu geben.

Sie müssen schon früher gefördert werden. Die Kindergartenpädagogen haben eine unglaubliche Verantwortung und werden komplett vergessen. Aber die haben nicht so viele Ferien wie wir, also sind sie nicht der große Feind.

Man hört oft, Kindergartenpädagogen bräuchten keine Uni-Ausbildung, um Kinder zu hüten.

Um sie zu fördern aber schon, dazu braucht man ein anständiges Studium.

Aber mit Praxis?

Ja, ohne Praxis in der Ausbildung wäre ich nie Lehrer geworden. Ich liebe meine Gfraster, weil ich selbst eins war. Ich bin sogar von der Schule geflogen.

Wieso das?

Ich war extrem frech. Als ich dann meiner Geografielehrerin die Sporttasche auf den Kopf gehaut habe, wurde mir nahegelegt zu gehen.

Was sagen Sie zur diskutierten Erhöhung der Lehrverpflichtung?

Wenn Lehrer in der Schule unterrichten und Schwache unterstützen sollen, kann ich das nachvollziehen. Aber in unserem Konferenzzimmer stehen zwei Computer mit Windows XP, und wir sind 40 Leute. Wie soll man da etwas vorbereiten?

Man hört, die Administration nehme überhand. Was macht ein Lehrer neben dem Unterrichten?

Vielen Kids muss man beibringen, mit Messer und Gabel zu essen. Vorbereiten, Materialien einkaufen, Turnsaal in Schuss halten, und ich warte die Computer. Die Elternarbeit wird immer mehr. Ausflüge planen und Projektwochen, bei denen man 120 Stunden durchgehend arbeitet ohne einen Cent mehr. Da braucht man schon Idealismus.

Und wann werden sie Direktor? Bei den meisten männlichen Volksschullehrern dauert es nicht lange.

Ja, meistens sind sie nach vier Jahren Direktoren. Aber ich habe keine Ambitionen. Das ist ein rein administrativer Job, der nichts mit den Kids zu tun hat. Man muss das Werk am Laufen halten und brennt selber dabei aus.

Was sollte man mit unambitionierten Lehrern machen, die ihren Schülern jede Stunde Filme zeigen?

Ich kenne solche Lehrer nicht. Das ist vielleicht in weiterführenden Schulen ein Problem.