Für Anna Babka, deren Karriereweg sie über mehrere Jahre in befristete Drittmittelanstellungen im In- und Ausland führte, bedeutet berufliche Unsicherheit aber auch Verletzlichkeit. Sicherheit gebe nur das eigene Durchhaltevermögen, das einem eine gewisse Fähigkeit gebe, ein Leben am Existenzminimum zu führen ohne zu wissen, ob man auch "im nächsten Semester einen Lehrauftrag ergattern, die nächste Qualifikationsschrift schaffen werde: "Müssen wir diese Art von Sicherheit im Sinne eines Survival of the Fittest verstehen?", stellt sie in einer Replik, "Die Universität und das Prekariat", zur Diskussion. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont sie: "Darunter leidet das freie Denken."

Für Maria Dabringer, Vorstandsmitglied der IG elf und Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien, hat ein Übermaß an prekären Dienstverhältnissen einen Qualitätsverlust zu Folge. "Inhaltlich ist die Lehre nicht schlecht. Doch obwohl sich alle bemühen, sie gut abzudecken, haben wir zu wenige Seminare, zu wenige Leute", was die Betreuungsverhältnisse nicht eben verbessere, sagt Dabringer. Seit ihrer Fixanstellung 2013 habe sie zudem die Erfahrung gemacht, "dass ich mit einem anderen Commitment zur Arbeit gehe. Wenn ich jedes Semester Angst haben muss, ob ich im nächsten noch dabei bin, bin ich weniger zufrieden und weniger motiviert."

Babka sieht auch eine mangelnde Identifikation mit der Institution. "Jeder Betrieb weiß, dass man die Mitarbeiter so anstellen muss, dass sie sich identifizieren. Wer das mangels Perspektive nicht kann, wird eher zum Opportunismus erzogen, alles zu tun, damit er eine Stelle bekommt. Würde man diesen Leuten echte Perspektiven bieten, würde die Qualität steigen", hebt sie hervor.

Im Rahmen des "Forschungsaktionsplans" will Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner nun über die künftigen Leistungsvereinbarungen mit den Unis mehr unbefristete Stellen nach dem Vorbild des US-amerikanischen Tenure-Track-Systems schaffen. Diese Laufbahnstellen sehen einen Karriereweg bis zur Ordentlichen Professur vor. An der Uni Wien existieren allerdings erst 70 von diesen Stellen. Weitere 30 bis 40 sollen in den nächsten Jahren im Zuge von Nachbesetzungen nach Pensionierungen folgen.

"Nur noch Stop and Go"

"Wenn eine zweispurige Autobahn durch Staus nur noch Stop and Go ermöglicht, wird diese zeitnah ausgebaut. An der Uni haben wie diesen Zustand aber seit Jahren", kommentiert Bernhard Keppler, Vorsitzender des UniversitätsprofessorInnenverbands, die Zustände. Allerdings sollte ein Ausbau nicht zu weit gehen, meint der Professor für Chemie: "Auch das Stammpersonal muss einen vernünftigen Mix aus permanenten und nicht permanenten Verträgen enthalten."

Ebenfalls sinnvoll erscheint es Keppler, fortgeschrittene Studenten "für ein gewisses Entgelt beim Unterricht von Anfängern einzusetzen", da sie damit gleichzeitig ihr eigenes Wissen vertiefen würden: Bei diesem "Nebeneinkommen zum Studium kann man aber nicht von prekären Arbeitsverhältnissen reden". Anders sei es bei der hohen Anzahl geringfügig beschäftigter Lektoren, "die auf die enorme Überbelastung der Universität mit Studenten, für deren Studienplatz es keine ausreichende Finanzierung gibt, zurückzuführen sind."

Dabringer sieht noch ein weiteres, nicht ganz neues Problem. "Noch fällt es kaum auf, dass der Mittelbau wegbricht. Denn noch gibt es pragmatisierte Assistenzprofessoren, die das administrative Gerüst der Uni stützen. Wenn sie aber in etwa zehn Jahren in Pension gehen, droht der Universitätsorganisation Chaos." Schon jetzt seien manche Szenarien skurril: Professoren würden Gremienarbeit miterledigen, die gut ausgebildete Mittelbau-Angestellte genauso tun könnten, während Predocs sich um die Studienprogrammleitung kümmern, wofür sie weder qualifiziert sind noch die Position haben. Und all das erinnert auf beklemmende Weise daran, dass es in anderen Branchen ganz ähnlich ist.