Eine hinduistische Statue auf der indonesischen Insel Java. Ab dem 50. Lebensjahr ist jeder zweite Mann von Erektionsproblemen betroffen. - © Corbis/Marc Dozier
Eine hinduistische Statue auf der indonesischen Insel Java. Ab dem 50. Lebensjahr ist jeder zweite Mann von Erektionsproblemen betroffen. - © Corbis/Marc Dozier

Wien. Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, der Professor doziert über erigierte Penisse und feuchte Vaginen: Alfred Kinsey hat mit seiner Lehre über menschliche Sexualität dem prüden Amerika der 1940er Jahre die Schamesröte ins Gesicht getrieben; seine Forschung leitete die Sexuelle Revolution ein.

Vom revolutionären Geist eines "Dr. Sex", wie Kinsey in dem gleichnamigen Roman von T.C. Boyle genannt wird, ist 70 Jahre später wenig geblieben, könnte man meinen. Denn im Jahr 2014 wird an österreichischen Universitäten Sexualmedizin lediglich als Freifach unterrichtet, wie Elia Bragagna, Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG), kritisiert. Seit fünf Jahren bietet die AfSG Sex-Fortbildung für Ärzte an, privat und auf freiwilliger Basis - aber nur noch bis 2015, dann will Bragagna die Akademie schließen: "Wir wollen dem Staat nicht mehr die Arbeit abnehmen", und fordert: "Jeder Mediziner muss ein sexualmedizinisches Basiswissen verfügen, wenn er die Uni verlässt."

Jeder fünfte Mann klagt über vorzeitigen Samenerguss, ab dem 50. Lebensjahr ist jeder zweite Mann von Erektionsproblemen betroffen. Jede zehnte Frau leidet an Orgasmusproblemen, Schmerzen beim Sex oder Lustlosigkeit.

Depressionen als Lustkiller Nummer eins

Die sexuellen Störungen können auch Symptome für Krankheiten wie Multiple Sklerose, einen drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall sein; 90 Prozent der Männer mit koronarer Herzerkrankung leiden an einer erektilen Dysfunktion. Der Lustkiller Nummer eins sind jedoch Depressionen: Bei 83 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen führen sie zu vermindertem sexuellem Verlangen. Oft würden Ärzte die Probleme im Bett mit den Worten "Sexualität beginnt im Kopf" als psychosomatisch abtun, kritisiert Bragagna. Doch die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin hat schon oft erlebt, dass Organe, und nicht die Psyche verantwortlich dafür sind: Einer ihrer Patienten war beim Urologen, beim Neurologen, in der Psychotherapie, doch erst in der Sexualtherapie stellte sich heraus, dass ein Prolaktinom - ein gutartiger Gehirntumor - der Auslöser seines Leidens war.

"Ärzte haben Angst, den Patienten zu nahe zu treten"

Auch chronische Krankheiten wie Diabetes, Rheuma oder Arthrose gehen oft mit sexuellen Störungen einher, doch im Arztzimmer wird selten über Sex gesprochen: Nur rund zehn Prozent der Patienten würden von den Ärzten zu ihrem Sexualleben befragt, so Bragagna. "Den Ärzten ist es unangenehm, darüber zu sprechen. Sogar Gynäkologen haben Angst, den Patientinnen zu nahe zu treten, wenn sie nachfragen, ob sie mit ihrem Sexualleben zufrieden sind", sagt die Sexualtherapeutin Sonja Kinigadner. Da auch die Patienten gehemmt sind, warten oft beide darauf, dass der andere den ersten Schritt macht. Kinigadner spricht sich ebenso für eine bessere Schulung aus, Ärzte müssten vor allem lernen, das Thema anzusprechen. "Das Wissen ist vorhanden, sie müssen es nur anwenden", sagt auch Bragagna.