Erstmals seit dem Beginn des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. wird die römische Glaubenskongregation eine Lehrverurteilung eines Theologen vornehmen. Dem in Lateinamerika wirkenden baskischen Befreiungstheologen und Jesuitenpater Jon Sobrino (68) wirft der Heilige Stuhl nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" vor, durch seine Thesen zur "Verwirrung der Gläubigen" beizutragen. Eine "erklärende Note" der Glaubenskongregation spreche von einer "großen Gefährlichkeit" von Sobrinos Thesen.

Im Kern werfe die Kirche dem Theologen vor, zu sehr die Solidarität mit den Armen und zu wenig die Erlösung durch Christus zu betonen. Die Führung der Jesuiten bestätigte, dass Jon Sobrino eine entsprechende Note in den kommenden Tagen erhalten soll, wollte sich aber nicht näher zu dem Fall äußern. Anderen kirchlichen Quellen zufolge soll dem Jesuiten untersagt werden, zu unterrichten, Vorträge zu halten und Bücher zu veröffentlichen.

Sobrino war 1989 nur knapp einem Mordanschlag rechtsextremer Militärkreise entkommen, dem in El Salvador sechs Jesuiten zum Opfer fielen. In den 1980er Jahren war der Vatikan unter Johannes Paul II. gegen die Befreiungstheologie in Lateinamerika vorgegangen, da diese zu sehr das soziale Engagement der Kirche betone und den Heilsauftrag vernachlässige. Entscheidenden Anteil an der Verurteilung des Befreiungstheologen Leonardo Boff hatte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, der 2005 zum Papst gewählt wurde.

Jon Sobrino, der aus dem Baskenland stammt und dort in den Jesuitenorden eintrat, ist Professor an der Zentralamerikanischen Universität in San Salvador, wo 1989 sechs Jesuiten und zwei Hausangestellte vom Militär ermordet worden waren. Wegen seines befreiungstheologischen Engagements war auch Sobrino durch Verleumdungen und Morddrohungen gefährdet. Er wurde unter anderem mit dem Menschenrechtspreis der Karl-Franzens-Universität Graz ausgezeichnet. "Die gekreuzigten Völker müssen vom Kreuz abgenommen werden. Das ist die Essenz der Theologie der Befreiung", hatte er gesagt. Mit der neuen Geopolitik stelle sich immer deutlicher heraus, dass der Dritten Welt die Aufgabe der "Sondermüllhalde für den Planeten" zugewiesen werde.

Pater Sobrino war Berater des 1980 von rechtsextremen Todesschwadronen während eines Gottesdienstes am Altar ermordeten Erzbischofs Oscar Arnulfo Romero. Für den Märtyrerbischof läuft ein Seligsprechungsverfahren.

Die "erklärende Note", die der Verurteilung Sobrinos vorausgeht und die der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt, betont, dass "die Option für die Armen und Unterdrückten" von "der gesamten Kirche geteilt" werde. Andererseits stellt der Text klar, dass der Fall des Paters Sobrino einer dringenden Untersuchung bedurft hätte, wegen der "großen Gefährlichkeit" seiner Thesen und der möglichen "Verwirrung der Gläubigen". Die Glaubenskongregation wirft dem Theologen vor, er rede - vor allem in seinem Buch "Jesus, der Befreier" - nicht klar genug von der Göttlichkeit Jesu, sondern beschreibe sie als Produkt späterer theologischer Reflexionen; er vermenschliche zu sehr den Gottessohn.