1In zwei Sprachen zu leben, gleichzeitig oder in einer ständigen Pendelbewegung zwischen Ländern, Kulturen, Sprachsystemen, kommt einem Übersetzen ohne Ende gleich, einem Übersetzen, das unbemerkt, im Lauf der Zeit zu einem nicht wegzudenkenden Teil der Existenz wird, als verbrächte man das Leben auf einer Schaukel und die fast unausführbare Aufgabe sei es, das Gleichgewicht auf dieser Schaukel zu halten, eine Harmonie zu erreichen, die nicht gelingen kann, denn es gibt keinen neutralen Ort, kein Niemandsland des Noch-nicht-dort aber Nicht-mehr-da. Dieses nicht ständig bewußte, sicherlich befruchtende aber auch zwiespältige Hin und Her zwischen den Sprachen kann deshalb zu keinem Gleichgewicht kommen, weil jedes Sprachsystem in sich geschlossen auf nichts außer sich selbst verweist, sich nicht komplementär dem anderen hinzufügen läßt, sondern das andere ausschließt, jedes andere als fremd, überflüssig und störend abwehrt, so daß keines der beiden (wenn hier von zwei Sprachsystemen die Rede sein soll) die Lücken füllen kann, die das jeweils andere durch seine Abwesenheit reißt.

Aber während sich dem Einsprachigen normalerweise zwischen dem Begriff und dem Bezeichnetem kein Raum für Zweifel an der Identität von Gegenstand und sprachlichem Ausdruck öffnet, klafft für den in zwei Zeichensystemen Stehenden bei jedem Wort, jeder Geste und erst recht bei jeder idiomatischen Wendung ein Abgrund, der die schlafwandlerische Sicherheit des ganz in eine einzige Sprache Eingebetteten vernichtet und jede sprachliche Brücke als prekär und provisorisch entlarvt. Denn was dieses Auseinanderklaffen verdeutlicht, ist die Erkenntnis, daß nichts selbstverständlich, naturgegeben ist, sondern daß in allem komplizierte Regeln und kulturelle Übereinkünfte am Werk sind. Das mag die Reflexionsfähigkeit erhöhen, aber es bringt den Verlust der Zentriertheit und der unerschütterlichen Gewißheit der eigenen Zugehörigkeit und Identität mit sich. Es läßt sich natürlich darüber streiten, ob dieser Verlust der Mitte, mit dem auch der Verlust des festen Weltbilds und des Standortes des Menschen in der Welt einhergeht, als Tragik erlebt werden soll, wie es die Moderne getan hat, oder als Befreiung gefeiert werden kann, wie die Postmoderne es tut. Vielleicht ist es beides. Aber in welchen Abschnitten des Gehirns die einzelnen Sprachen auch ihren Sitz haben, harmonische Simultaneität wird wohl nur selten erreicht. Auch das simultane Übersetzen, das sich mehr als das literarische Übersetzen primär auf das Kommunizieren von Inhalten und Oberflächenbedeutung konzentriert, kämpft vermutlich mit denselben Problemen sich überschneidender aber nicht deckungsgleicher semantischer Felder. Man ist immer partiell blind der zweiten, später gekommenen Sprache gegenüber, denn Sprache ist nicht nur das Artikulierte, sondern auch das im Diskurs Ausgesparte, das Implizierte, die Körpersprache, ein ganzes subtiles System von Kommunikation mit festen Grenzen. Man ist partiell blind und gleichzeitig mit einer zusätzlichen Wahrnehmung ausgestattet, die den Einsprachigen fehlt, einer Wahrnehmung gewissermaßen vom Rand her, von außen, die vergleicht und relativiert, und die die Einsprachigen nicht besitzen. Und das setzt sich dann in der ersten, der Muttersprache, wie die Gefühlssprache üblicherweise heißt, fort, auch sie verliert ihre Automatismen und ihre Selbstverständlichkeit, man sieht sie von außen und innen zugleich, man arbeitet mit Spiegeln, die sich ins Unendliche fortsetzen lassen, die verwirren und blenden können, aber auch Komplexität erzeugen. Seiner eigenen Kultur wird man erst aus der Distanz der entfremdeten Sprache bewußt.

All das, könnte man glauben, sei eine Vorbedingung mit Sprache kreativ, reflektierend, also schöpferisch umzugehen. Das mag für die erste Sprache zutreffen, auch wenn es sehr schnell passieren kann, daß die zweite Sprache die erste zurückdrängt, Lücken in sie reißt, die sie mit ihren eigenen Begriffen zu stopfen sucht, denn die zweite Sprache zerstört die Selbstverständlichkeit unserer ersten und sie bleibt in der Muttersprache auch als Einfluß weiter bestehen, beeinträchtigt sie, unterminiert sie, kontaminiert sie ebensosehr wie sie befruchtet. Die Sprache ordnet sich Erlebnisfeldern zu, jede neue Erfahrung wird in dem Augenblick, in dem sie bewußt wird, mit Begriffen und sprachlichen Bildern fixiert. Und da in zwei Sprachen zu leben bedeutet, in beiden Erfahrungen zu machen, für einen bestimmten Zeitraum einen Platz im jeweiligen Regelsystem einzunehmen, ist die Anwesenheit in der einen stets auch die Abwesenheit in der anderen Sprache. Erfahrungen, einmal gemacht, lassen sich ebensowenig wiederholen und die ihr zugeordnete sprachliche Fixierung wächst der einen Sprache zu, indem sie der anderen entzogen wird. So entsteht in der Notwendigkeit des ständigen Hin- und Herübersetzens ein Flickenteppich von Sprachfeldern, die in jedem Sprachsystem Leerstellen hinterlassen. Ich muß eine Sprache ohne Unterbrechung bewohnen, um sie ganz und gar auszufüllen und mit ihr in Einklang zu bleiben. Trete ich aus ihr für einen längeren Zeitraum heraus, bleibt meine Sprache dort stehen, wo ich sie verlassen habe, während die lebendige Sprache mit der Summe der in ihr gemachten Erfahrungen weiterwächst.