Selbst wenn man in einer ehemals fremden, einer erworbenen Sprache lebt, so lebt man doch nie vollkommen im Einklang mit ihr, man lebt in einem ihrer Systeme, von denen es in jeder Sprache viele gibt, man beherrscht eines ihrer Register, vielleicht auch zwei, dafür ist man in zahlreichen anderen fremd, ja man erkennt sie nicht einmal, kann sie nicht einordnen, steht vor ihnen wie vor einer weiteren Fremdsprache. Wer durch das Schulsystem der höheren Bildung gegangen ist, erlernt die Sprache der Gebildeten, dann die Sprache der Literatur, die Hochsprache. Aber da sind viele andere Sprachen, die der verschiedenen sozialen Schichten, der Regionen, der Ethnien. Von der deutschen, der englischen, französischen usw. Sprache zu sprechen, ist bereits eine Abstraktion, erst recht, wenn man Körpersprache, Augenkontakt, Verhaltensregeln in jeder dieser Subsprachen einbezieht. Man könnte einwenden, daß die Grundstruktur dieser Subsprachen die gleiche ist, daß es sich um leicht zu erwerbende Varianten handelt, die in konzentrischen Kreisen einen Kern umschließen, und vielleicht stimmt das ja auch linguistisch betrachtet, aber für den fremdsprachigen Benutzer dieser Sprachen bedeutet es unüberbrückbare Fremdheit, Sprachlosigkeit und Verwirrung, die so leicht nicht zu überbrücken ist. Überall auf der Welt mißtraut man denen, die mit Akzent sprechen. Der Akzent verweist auf die Differenz, das Andere, hinter dem sich eine andere Wahrnehmung der Realität verbirgt.

In unserem Bewußtsein, in unserem Gedächtnis können nicht mehrere Sprachen den ersten Platz gleichzeitig einnehmen. Was weniger nahe liegt, was nicht benutzt wird, wird zurückgedrängt, vergessen, gerät außer Gebrauch. Wer lange in einem einsprachigen Umfeld mit der vorherrschenden Sprache lebt, dessen andere Sprache tritt in den Hintergrund, verblaßt, verarmt. Sie kann hervorgeholt und neu belebt werden, und es wird nur den Bruchteil der Zeit ihres Neuerwerbs kosten, aber jede Abwesenheit findet im Kontinuum der Zeit statt und auch für sie gilt das Diktum des Heraklit. Dieser prekäre Besitz der Sprache, des Instruments, das unsere Welt gleichzeitig deutet und begrenzt, weist darauf hin, daß wir nicht sehr verläßlich zu Hause sind/ in der gedeuteten Welt, wie Rainer Maria Rilke in der Ersten Duineser Elegie sagt. Wenn uns jede Erfahrung verändert, dann tut dies auch der sprachliche und kulturelle Kontext, in dem die Erfahrungen gemacht wurden. Auch wenn die Kindheitserlebnisse und die Jahre des Erwerbs der Muttersprache unvergleichbar stärker prägen als vieles Spätere, so macht es doch einen Unterschied, wie und wo und in welcher Sprache wir die wichtigen Stationen unseres weiteren Lebens erfahren. Nach jedem Aufenthalt in den USA, bei jeder Rückkehr nach Österreich fühle ich mich durch Umfeld und Sprache verändert, jeder Aufbruch kommt einer erneuten Entwurzelung gleich, und am Ende zieht jede Vertrautheit mit der einen Welt eine Entfremdung von der anderen nach sich, bis man in der Mitte, am Punkt der größtmöglichen Entfernung von beiden Seiten, knapp vor dem Kippen in einem prekären Gleichgewicht anhält und weder das eine noch das andere aufgeben kann. Jede Sprache, wenn man länger in ihr lebt, zwingt uns eine andere, manchmal eine neue Identität auf: Manchmal entwerfen wir sie bewußt und lustvoll, erleben sie als Maske, als Befreiung, als bisher ungelebte Möglichkeit. Aber das Spiel mit Masken ist nicht ungefährlich. Die anfängliche Unberührbarkeit durch das Fremde, der heitere Solipsismus der Unwissenheit mag Schutz und Unverwundbarkeit garantieren, zumindest für den Anfang, bringt jedoch gleichzeitig den Schmerz mit sich, unkenntlich zu sein und nie erkannt zu werden, denn dem ausschließlich in der anderen Sprache Behausten fehlt auch die Fähigkeit, über die Grenzen seiner Sprache hinweg zu erkennen und zu verstehen. Wer in zwei Sprachen lebt, hat immer eine unsichtbare, lichtabgewandte Seite, gleichgültig wo er lebt.