In Armenien hat am Sonntag mehr als eine Million Menschen - ein Drittel der Bevölkerung des Landes - des Massenmordes an den Armeniern vor 90 Jahren gedacht. In der Hauptstadt Eriwan legten die Trauernden Blumen an der Gedenkstätte Zizernakaberd (Schwalbennest) nieder, die den 1,5 Millionen Opfern des Völkermordes im Osmanischen Reich gewidmet ist.

Symbolisch sollte in Eriwan für jedes Opfer ein Trauergast aus Armenien oder dem Ausland zu dem Denkmal kommen. Am Nachmittag türmten sich die Blumen bereits meterhoch. Der Mord an den Armeniern war "eine der schlimmsten Katastrophen, die die Welt je erlebt hat", sagte der Philosoph Alexander Manasjan. Über der Trauerfeier erhob sich am Horizont klar der Ararat, der heilige Berg der Armenier, der in der Türkei liegt.

Im Osmanischen Reich begann vor 90 Jahren am 24. April 1915 die massenhafte Vertreibung und Zwangsumsiedlung, die nach Ansicht vieler Historiker auf Auslöschung der christlichen Armenier abzielte. Die Türkei bestreitet den planmäßigen Mord bis heute und schätzt die Zahl der Opfer auf nur 200.000. Die Zeitung "Hürriyet" schrieb gestern unter Berufung auf Aufzeichnungen des damaligen Innenministers Talat Pascha, dass 924.158 Armenier deportiert worden sind. Auch ein neuer Brief von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan aus Ankara lasse keine Aufweichung dieser Position erkennen, sagte der armenische Präsident Robert Kotscharjan, der eine strikte Verurteilung des Massakers durch die internationale Gemeinschaft verlangte ud unterstrich, dass Armenien bereit sei , normale Beziehungen zur Türkei zu unterhalten. Bei den Kundgebungen wurden erstmals keine türkischen Flaggen verbrannt. Zwischen beiden Ländern gibt es keine diplomatischen Beziehungen. Die Türkei hält die Grenze geschlossen, was die Wirtschaft des verarmten Armeniens schwer trifft. Erst seit kurzem gibt es eine direkte Flugverbindung zwischen Istanbul und Eriwan. Armenien besetzt seit dem Krieg um die Enklave Berg-Karabach weite Teile Aserbaidschans, das mit der Türkei eng befreundet ist.

Die UN-Menschenrechtskommission hat die Gräueltaten an den Armeniern als Völkermord gewertet. Mindestens 15 Staaten schlossen sich dem Urteil an, darunter Frankreich, Italien, die Niederlande, Belgien, Schweden, die Slowakei, Griechenland, Zypern, die Schweiz und Polen.

US-Präsident George W. Bush drückte gestern sein Beileid für die vor 90 Jahren begangenen Massaker an Armeniern aus, vermied aber den Begriff "Völkermord". Auch in New York fand eine Gedenkveranstaltung statt, an der Überlebende der Massaker teilnahmen.