- © Irene Neuwerth
© Irene Neuwerth

Die letzten Kriegstage verbrachten wir im Keller. Zwei Eisenbetten, zwei graue Kotzen (schwere Decken), einige Schachteln Knäckebrot und eine Flasche mit Essenz angesetztem Likör - stand uns zur Verfügung. Uns, das waren die Großmutter, die Mutter und wir beiden Kinder. Der Vater war schon länger vermisst, der Onkel jenseits der Donau als Sanitäter beim Militär. Von dem Likör bekamen auch mein Bruder und ich etwas, wegen der Nässe im Keller - immer am Abend vor dem Einschlafen. Sehr problematisch war der Toilettengang. Man musste die Pausen zwischen Artilleriefeuer und Stalinorgel - die ein Geräusch wie ein Orkan machte - nützen.

An einem Tag war es mit einem Mal still; kein Geschützlärm, auch kein Geräusch von Flugzeugen - selbst die Gewehrsalven waren verstummt. Wir beschlossen vorsichtig hinaufzugehen. Wir Kinder aber liefen rasch zum Haustor. Wir hörten die Mutter noch laut herunter rufen, doch wir hatten schon den großen Schlüssel herumgedreht und waren beim Tor hinausgeschlüpft. Etwas schräg von unserem Haus war eine Bombenruine, aber die hatte es schon vor dem Kampf gegeben. Unmittelbar davor lag ein Mann auf dem Rücken und schaute mit einem Auge in den Himmel, das zweite war ihm herausgeschossen worden. Wir entschieden uns, in die Wohnung zurückzukehren und von dem Fenster aus die Straße zu beobachten. Erst mussten wir Mutter und Großmutter beruhigen, dann sahen wir nach einer Weile viele Leute die Laudongasse Richtung Gürtel hinauflaufen. Die meisten hatten Taschen oder Netze bei sich. Wir schnappten uns einen alten Rucksack und stürmten die Stiege hinunter, ohne auf die Mahnung der Mutter zu hören. Wir wussten, wir mussten etwas Essbares herbeischaffen. Der Greißler (ein kleines Lebensmittelgeschäft) hatte seinen Rollbalken fest unten. Es schien auch keine Gefahr mehr zu bestehen. Atemlos kamen wir zu einem Eckhaus, in dem sich ein großes Lager mit verschiedenen Lebensmitteln befand. Die Russen hatten es beschlagnahmt und so standen nun zwei Soldaten auf einem Berg von Säcken und reichten einem dritten Kartons herunter. Das waren unsere ersten Russen, die wir zu Gesicht bekamen. Dann teilten sie Flaschen mit Öl und Dosen mit grünen Erbsen an die sich herandrängenden Menschen aus. Einige Frauen hatten auch Kübel mitgebracht. Anscheinend hatten sie um das Lager gewusst. Eine große, starke Frau gab meinem Bruder einen heftigen Stoß, als sie über seinen Kopf den Eimer zu den Soldaten hinaufreichte. Mein Bruder fiel auf den Betonboden und schürfte sich auf. Wir waren zwar schon zwölf und dreizehn Jahre alt, aber so schmächtig und klein wie Neun- und Zehnjährige. Der Russe nahm den Kübel ganz gelassen in die Hand und füllte ihn mit einem Schlauch voll Öl. Dann aber riss er ihn mit einer enormen Beschleunigung heran und stülpte ihn vor den verdutzten Leuten der Frau über den Kopf, wobei er russische, dem Ton nach unflätige Schimpfworte heraus stieß. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, hallte ein vielfaches Gelächter durch die Halle. Es war durchaus befreiend. Der junge Soldat holte meinen Bruder zu sich, drückte ihm zwei Ölflaschen und einige Erbsendosen in die Hand und deutete ihm, zu gehen. Wir packten alles schnell in den Rucksack und verschwanden eiligst. Zuhause wurden wir freudig empfangen.