Nach den gescheiterten Regierungsverhandlungen mit der ÖVP machte sich Viktor Klima auf die Suche nach einem neuen SP-Vorsitzenden. Der frustrierte Ex-Kanzler wollte aus der Politik ausscheiden. Für die Führung einer Partei, die nach 30 Jahren an der Regierung den schweren Weg in die Opposition antreten musste, fühlte er sich nicht geeignet.

Die Bewerber um den Posten scharrten bereits in den Startlöchern. Als haushoher Favorit galt Innenminister Karl Schlögl, der zum rechten Parteiflügel zählt. Gegen ihn formierte sich vor allem in der Wiener SPÖ heftiger Widerstand. Sein Kontrahent war der links stehende Caspar Einem, zuletzt Wissenschaftsminister im Kabinett Klima-Schüssel. Eine Kraftprobe zeichnete sich ab. Mit dem Rest an Autorität, der ihm noch geblieben war, setzte der Ex-Kanzler im Parteipräsidium einen Kompromisskandidaten durch: den Nationalratsabgeordneten und seit ein paar Wochen als Bundesgeschäftsführer tätigen Alfred Gusenbauer.

Im Februar 2000, zum Zeitpunkt seiner Designierung als SPÖ-Parteichef, war Alfred Gusenbauer in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Die Überraschung war dementsprechend groß, das Echo in den übrigen Parlamentsparteien durchwegs unfreundlich. Peter Westenthaler (FPÖ) nannten ihn einen "Linken Apparatschik", für Rauch-Kallat (ÖVP) bedeutete er eine "Abkehr von der Konsenspolitik hin zum Klassenkampf", Madeleine Petrovic von den Grünen meinte, Gusenbauer sei in seiner Partei bisher "als Leichtgewicht gehandelt worden."

In der in- und ausländischen Presse waren die Reaktionen positiver. Der "Standard" charakterisierte ihn als guten Organisator und recht guten Redner, die "Frankfurter Allgemeine" ortete seine Kür als "Zeichen für einen Neuanfang", die "Neue Züricher Zeitung" verstand die Wahl als "Signal einer verstärkten Tendenz nach links".

Alfred Gusenbauer hielt auf dem 36. Ordentlichen Parteitag der SPÖ, der am 28.und 29. April 2000 in Wien-Oberlaa stattfand, eine fast zweistündige Grundsatzrede. Er zeigte die Fehler auf, die von der Partei in den Jahren zuvor gemacht worden waren, versprach eine Parteireform, übte heftige Kritik an der neuen Regierung und unterstrich die Grundwerte der Sozialdemokratie: Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Toleranz, Liberalität und Weltoffenheit. Die Delegierten wählten ihn mit 96,5 Prozent der Stimmen zum neuen Vorsitzenden.

Durch Kreisky an die Uni

Gusenbauer ist seit 1945 nach Bruno Kreisky der zweite SP-Chef, der die Ohnmacht eines Oppositionsführers zu spüren bekommt. Den sozialdemokratischen Langzeitkanzler bezeichnet er als sein großes politisches Vorbild. Ohne die Schulpolitik der Kreisky-Ära mit Gratisschulbuch und Schülerfreifahrt hätte der Arbeiterbub die AHS nicht besuchen und danach kein Studium ergreifen können. Der Altbundeskanzler wohnte im Juni 1987 der Promotion Gusenbauers bei und schrieb ihm eine persönliche Widmung in seinen ersten Memoirenband. Darauf ist Gusenbauer stolz. Dass er einmal in die Fußstapfen seines Idols treten würde, hätte er damals nicht zu denken gewagt.

Alfred Gusenbauer kam am 8. Februar 1960 in St. Pölten zur Welt. Seine Schwester Andrea und er wuchsen in einer kleinen Gemeindewohnung in Ybbs an der Donau auf. Der Vater arbeitete bei den Donaukraftwerken, die Mutter verdiente als Putzfrau ein karges Zubrot. Leisten konnten sich die Gusenbauers nicht viel. Sie hatten kein Auto, das Einkommen reichte lediglich für einen Badeaufenthalt in Jesolo, zu dem sie per Bahn anreisten.

Alfred besuchte in Ybbs die Volksschule und verdiente sich als Ministrant ein bisschen Taschengeld. Sein unverkrampftes Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche stammt aus diesen Kindheits- und frühen Jugendtagen.

Auf Anraten des Schuldirektors schickten die Eltern den begabten Buben in das Realgymnasium nach Wieselburg, Schulgeld war keines zu bezahlen, die acht Kilometer weite Fahrt mit dem Schulbus kostete nichts, die Lehrbücher wurden gratis zur Verfügung gestellt. Nachhilfestunden benötigte er nicht. Er gab selbst welche, als er über genügend Kenntnisse in Englisch, Mathematik und Latein verfügte.

Nach der Matura, die er 1978 ablegte, übersiedelte Alfred Gusenbauer nach Wien und inskribierte an der Alma Mater Rudolphina Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Nach ein paar Semestern wechselte er in die Politikwissenschaften und dissertierte mit einem Thema über die österreichische Friedensbewegung.

Berufspolitiker

Gusenbauer, der aus einer sozialdemokratischen Familie kommt, ist Berufspolitiker. Er betätigte sich bereits als Mittelschüler in der Sozialistischen Jugend. Als deren Bundesvorsitzender wetterte er gegen das Partei-Establishment und gebärdete sich revolutionär. Auf einer Delegiertenreise des Bundesjugendringes küsste er am Moskauer Flughafen aus purem Übermut die russische Muttererde, in Nicaragua half er während der Herrschaft der Sandinisten bei der Kaffee-Ernte. Als Vizepräsident der Sozialistischen Jugendinternationale fiel der bärtige österreichische Juso-Chef auf Kongressen und Tagungen durch seine Sprachenkenntnisse (Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch), seine Argumentationsschärfe und seine ideologische Festigkeit auf.

Es folgte privat und politisch eine Beruhigungsphase. Ende 1986 lernte Gusenbauer Eva Steiner kennen, die 1992 eine Tochter Selina zur Welt brachte.

Vor schwierigen Aufgaben

1990 wurde der lebensfrohe Gourmet Bezirksparteiobmann der SPÖ Melk, von 1991 bis 1993 war er Mitglied des Bundesrates, seit dem Jänner 1993 gehört er dem Nationalrat an, im Jahr 2000 wurde er SPÖ-Klubobmann. In seinen Reden als Abgeordneter beschäftigte er sich mit außenpolitischen Themen, der EU-Politik und profilierte sich zunehmend als Wirtschaftspolitiker.

Als SPÖ-Chef stand Alfred Gusenbauer im Frühjahr 2000 vor schwierigen Aufgaben. Er musste die Partei personell verjüngen und erneuern, ihr ein schärferes Profil, ein moderneres Image geben, sie für die Opposition fit machen und ihr Zukunftsperspektiven eröffnen. Eine Herkulesarbeit, denn die SPÖ ist ein schwer bewegliches Schlachtschiff, das sich nur von einem charismatischen Kapitän von ihrem Kurs abbringen lässt. Charisma aber strahlt Alfred Gusenbauer nicht aus.

Mit der Oppositionsrolle kamen die Sozialdemokraten nur schwer zurecht. Die Nationalratsfraktion war auf die Regierungsarbeit der Partei eingeschworen, das Durchschnittsalter der Abgeordneten war hoch, es fehlte an guten Rednern und herausragenden Persönlichkeiten.

Der neue Parteichef wechselte den Fraktionsführer aus - sein enger Freund aus Juso-Tagen Josef Cap löste Peter Kostelka ab, der Volksanwalt wurde -, reduzierte die Anzahl der Bereichssprecher und versuchte im Rahmen seiner Einflussmöglichkeiten eine schrittweise personelle Erneuerung durchzusetzen. Über Teilerfolge kam er dabei nicht hinaus.

In den ersten Monaten nach der politischen Wende beherrschte die Frage der EU- Sanktionen die Innenpolitik. Die Regierung verlangte, taktisch geschickt, von der Opposition einen "nationalen Schulterschluss", dem sich die Sozialdemokraten wie die Grünen verweigerten. Sie wurden daraufhin als schlechte Patrioten hingestellt.

Die Regierungsparteien machten Tempo ("Speed kills") und zogen ihre Reformvorhaben (Budgetkonsolidierung, Pensionen, Einschränkungen im Sozialbereich, Zurückdrängung der Sozialpartnerschaft, Privatisierung von staatlichem Eigentum, Studiengebühren etc.) konsequent durch. Dabei gab es zwischen den Koalitionspartnern Auffassungsunterschiede und Spannungen, es passierten schwer wiegende Fehler. Die neoliberale Wirtschaftspolitik wurde vor allem von Finanzminister Karl-Heinz Grasser der Bevölkerung medial schmackhaft gemacht (Stichwort "Nulldefizit").

Kein Gesamtmodell

Die sozialdemokratische Opposition reagierte verunsichert und zahnlos. Erst nach einiger Zeit fasste sie Tritt, beeinspruchte Gesetze beim Verfassungsgerichtshof, stellte dringliche Anfragen an Ressortminister, verlangte Sondersitzungen des Nationalrates. Ein durchdachtes, durchschlagendes Gesamtmodell gegen die Regierungspolitik wurde nicht entwickelt. Bei Gegenvorschlägen in einzelnen Bereichen bewies der Partei-Vorsitzende keine besonders glückliche Hand. Bei den Landtagswahlen des Jahres 2001 erzielte die SPÖ im Burgenland dennoch schwache (2,1 Prozent) und in Wien starke (7,7 Prozent) Stimmenzugewinne. Nach dem Bruch der schwarz-blauen Regierung gingen die Sozialdemokraten mit Alfred Gusenbauer als Spitzenkandidaten in die vorverlegte Nationalratswahl. Der SP-Chef bewies im Wahlkampf Entschlossenheit, Intelligenz, Argumentationskraft und wartete im Endkampf mit Überraschungskandidaten auf: dem populären ORF-Journalisten Josef Broukal und der ehemalige evangelische Landesintendantin des Burgenlandes, Gertraud Knoll. Für einen Wahlsieg reichte es trotzdem nicht. Die SPÖ gewann zu ihren bisherigen 65 Mandaten zwar vier hinzu, sie verlor nach 32 Jahren jedoch ihre Position als stärkste Partei im Nationalrat. Alfred Gusenbauer wurde nicht Bundeskanzler, er blieb aber SP- und Oppositionschef.

Regionale Wahlerfolge

Die Regierung Schüssel II, die am 28. Februar 2003 ihr Amt antrat, setzte ihren Reformkurs fort und geriet durch die Debatte um die VOEST-Privatisierung, die Homepage des mittlerweile parteilosen Finanzministers und die missglückte Steuerreform 1994 in Turbulenzen. Seit Hubert Gorbach die als Vizekanzler die FPÖ-Regierungsriege anführt, bietet sie ein geschlosseneres Bild.

Die Sozialdemokraten erzielten bei den Landtagswahlen der Jahre 2003 und 2004 durchwegs gute bis sehr gute Wahlergebnisse: in Niederösterreich plus 3,2, in Oberösterreich plus 11,3, in Tirol plus 4,2, in Salzburg plus 13,1 Prozent. Sie stellen dort zum ersten Mal in der Geschichte dieses Bundeslandes mit Gabi Burgstaller den Landeshauptmann, ihr Kandidat Heinz Fischer gewann die Bundespräsidentenwahl.

In Kärnten reichte es mit einem Zuwachs von 5,6 Prozent der Stimmen zur erhofften Mehrheit nicht. Die Sozialdemokraten schlossen bald nach der Wahl ein Arbeitsübereinkommen mit den Freiheitlichen, das in Teilen der eigenen Partei und in der Öffentlichkeit auf Kritik und Ablehnung stieß.

Der selbstherrlich wirkende Parteichef konnte aus diesen Wahlerfolgen persönlich kaum Kapital schlagen. Sein Image in der Öffentlichkeit lässt zu wünschen übrig, politische Kommentatoren attestieren ihm Führungsschwäche. In den eigenen Reihen hat er zuletzt an Zustimmung verloren.