Am 25. Juli 1934 wurde Bundeskanzler Engelbert Dollfuß Opfer eines nationalsozialistischen Putschversuches. Sein Nachfolger, Kurt Schuschnigg, führte zunächst die Regierung in der von Dollfuß vorgegebenen Besetzung weiter. Am 17. Oktober 1935 bildete er sie weitgehend um, wobei auch der erst 39-jährige Ludwig Draxler, ein enger Vertrauter des Vizekanzlers und Heimwehrführers Ernst Rüdiger Starhemberg, an Stelle des zum Minister ohne Portefeuille degradierten Karl Buresch zum Finanzminister aufstieg.

Draxler, geboren am 18. Mai 1896 in Wien, Sohn eines hohen Beamten, besuchte das humanistische Gymnasium in Wien-Landstraße und zeichnete sich im Ersten Weltkrieg aus, in dem er zuletzt als Hauptmann des Fliegerregiments Nr. 1 diente.

Seine Bekanntschaft mit Starhemberg stammt wohl aus der Innsbrucker Zeit, als der Hofrats- wie der Fürstensohn dort ein Studium aufnahmen. Draxler studierte Jus, Starhemberg Staatswissenschaft. In Innsbruck sozialisierte die Heimwehr, unter Richard Steidle, die vom Untergang der Monarchie schockierten jungen Offiziere in Keilereien gegen die nun plötzlich bedeutend gewordene Arbeiterschaft politisch ganz rechts..

Die beiden scheinen auch bald ins deutschnationale Fahrwasser geraten zu sein, denn 1920 betätigte sich Draxler als Organisator und Führer eines österreichischen Freikorps, das in der Auseinandersetzung um Oberschlesien gegen die polnischen Aufständischen unter Korfanty kämpfte, und Starhemberg war einer seiner Gefolgsleute. Schlesien war in der Folge des Versailler Friedensvertrages geteilt worden, und das überwiegend deutschsprachige Oberschlesien hatte sich in einer Volksabstimmung für das Deutsche Reich entschieden, was die Aufständischen nicht hinnehmen wollten.

In den Erinnerungen Starhembergs ist nachzulesen, wie damals, unter dem Einfluss norddeutscher Burschenschafter, 36 Innsbrucker Studenten nach München abfuhren, um dort Anschluss an deutsche Freikorps zu finden. Sogar mit Hitler nahmen sie Kontakt auf. Mit bayrischen Gesinnungsgenossen reisten sie schließlich nach Oberschlesien, wo sie an einigen Scharmützeln teilnahmen.

Im Gegensatz zu dem verbummelten Starhemberg vollendete Draxler sein Studium, ergriff den Beruf eines Rechtsanwaltes und tat sich in der Heimwehr hervor, deren Rechtskonsulent er seit 1928 war. Starhemberg, der sich nach seinen Jugendeskapaden auf den Gütern seines Vaters aufgehalten hatte, ging erst nach dessen Tod in die Politik, 1929 als oberösterreichischer Heimwehrführer, seit 1930 als Führer des gesamten österreichischen Heimatschutzes. Als Innenminister des kurzlebigen Minderheitskabinetts Vaugoin machte er am 4. Oktober 1930 internationale Sensation, als er bei einer Wahlversammlung den heftig umstrittenen Wiener Finanzstadtrat Hugo Breitner mit den Worten apostrophierte: "Nur wenn der Kopf dieses Asiaten in den Sand rollt, wird der Sieg unser sein."

Sein enger Freund Dollfuß nahm ihn nach der Ausrufung des Ständestaates als Vizekanzler in seine Regierung auf.

In den Institutionen des von Dollfuss begründeten autoritären Ständestaates spielte auch Draxler eine große Rolle. So war er von 1934 - 1938 Mitglied des zur Vorbereitung von Gesetzen vorgesehenen 50-köpfigen Staatsrates und Obmann des Budget- und Finanzausschusses im Bundestag genannten Scheinparlament.

Er vertrat seine politische Richtung auch in den Verwaltungsräten wichtiger Unternehmen. Anlässlich seiner Ernennung zum Minister betonten die Zeitungen, dass er seine Mandate zurückgelegt und auch seine Rechtsanwaltskanzlei ruhend gestellt habe.

Während seiner Ministerschaft stand Österreich noch immer unter internationaler Kuratel, war doch die Lausanner Anleihe abzustottern, womit man noch unter seiner Ägide zu einem guten Ende kam. Das bedeutete ein Politik der Restriktionen und der Deflation, die jede Möglichkeit zu einem Aufschwung der auch von Hitlers Tausend-Marksperre geschwächten Wirtschaft abwürgte.

Draxler hatte sich auch mit der Liquidierung der Phönix-Affäre herumzuschlagen. Die Phönix war eine große private Lebensversicherungsanstalt, die unter dubiosen Begleitumständen zusammenbrach. Am 17. Februar 1936 starb ihr Direktor, ein gewisser Wilhelm Berliner. Am 25. März präsentierte die Regierung überraschend ein Konzept zur Reform des Privatversicherungswesens, drei Tage später beging der im Bundeskanzleramt für das Privatversicherungswesen zuständige Beamte Selbstmord. Nun ließ sich die Sache nicht mehr "unter der Tuchent" halten. Nach und nach sickerte durch, dass Berliner ein dichtes Netz von Schmiergeldbeziehern aufgebaut hatte. Unter anderen war auch Starhembergs Heimatschutz darunter. Ende April wurden in diesem Zusammenhang gerichtliche Untersuchungen gegen 27 mehr oder weniger prominente Geldleute aufgenommen, die Sache verlief aber im Sande.

Wie das nun mal so ist, die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, kam es immerhin zu einem Strafprozess, der mit einer achtmonatigen Kerkerstrafe endete, gegen jenen Finanzbeamten, welcher die Gebühren für die Versicherungsverträge der Anstalt vorzuschreiben hatte. Berliner hatte ihn dafür schmieren lassen, dass er die Akten liegen ließ, und der Beamte hatte das Schmiergeld dafür verwendet, eine Geliebte auszuhalten. .