"Wir haben in diesem Waldgebiet eine Vielfalt von Pflanzenarten, die in ganz Österreich einzigartig ist. Man findet hier zum Beispiel Blütengewächse, die es sonst nur auf der Insel Kreta gibt." Der Publizist und Archäologe Wolfgang Kalchhauser kennt viele interessante Details rund um "seinen" Wienerwald - schließlich wohnt er selbst in jenem Gebiet, dessen "Milleniums-Namenstag" im heurigen Jahr begangen wird.

Vor genau 1.000 Jahren wurde der Wienerwald erstmals urkundlich erwähnt, als der deutsche Kaiser Heinrich II. am 1. November 1002 dem Markgrafen Heinrich von Babenberg das Gebiet zwischen Triesting und Liesing zu Eigen machte, damit die Landesgrenzen gegen die Ungarn gesichert würden. Später kam das gesamte Wienerwaldgebiet hinzu.

Dass der Baumbestand bis heute bestehen blieb, verdankt er zum Teil den Babenbergern: Die begeisterten Jäger untersagten die Rodung des Waldes zum Zwecke der Ansiedlung. Fürst Johann Josef I. von und zu Liechtenstein trug am Beginn des 19. Jahrhunderts auch zur Bewaldung bei, indem er die Karstgebiete aufforstete.

Als Retter des Wienerwaldes ging der Mödlinger Bürgermeister Josef Schöffel in die Annalen ein. Medial unterstützt durch das "Wiener Tagblatt" und die "Deutsche Zeitung" konnte er 1873 die Abholzung des Wienerwaldes, durch die der Reichsrat die Staatsschulden tilgen wollte, gerade noch verhindern.

Später stand das Waldgebiet noch einmal knapp vor der Zerstörung, als nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien das Brennholz knapp wurde. Die Bevölkerung wollte sich mit Heizmaterial aus dem Wald versorgen, wurde aber vom Militär daran gehindert.

Die dicke Laubschicht, die über Jahrtausende hinweg liegen blieb, hat auch wertvolle Kulturschätze aus längst vergangener Zeit konserviert. Allerdings galt der Wienerwald in archäologischer Hinsicht bis vor etwa 120 Jahren als "Terra incognita". Seither hat man jedoch rund 80 Funde von der Jungsteinzeit bis zum Frühmittelalter ausgegraben und ausgewertet. Die interessantesten 20 Fundplätze stellt Kalchhauser in seinem Buch "Geheimnisvoller Wienerwald - auf den Spuren ur- und frühgeschichtlicher Menschen" vor. Auf 208 Seiten nimmt er sich der kulturhistorischen Aspekte des Erholungsgebiets Nummer Eins in Ostösterreich an.

Vom Urmeer zum Wald

In dem Gebiet, das vor etwa 200 Millionen Jahren - am Beginn des Erdmittelalters - das Urmeer Tethys bedeckte, dessen Wasserspiegel gute 100 Meter über der Spitze des heutigen Stephansdoms lag, siedelten sich im fünften Jahrtausend vor Christus erste Jäger an. Später lebten hier Kelten, Awaren, Bajuwaren und sogar Römische Bürger. Von der Jungsteinzeit bis ins frühe Mittelalter hat die Zivilation ihre Spuren hinterlassen. Einen Querschnitt daraus präsentiert Kalchhauser in seinem Bildband, der neben schönen Naturaufnahmen von Robert Bouchal auch detaillierte Wegbeschreibungen zu Fundstätten enthält, die den meisten Wanderern verborgen bleiben. Der Autor hat in seinem Werk auch nicht vergessen, auf die wirtshäusliche Infrastruktur des Wienerwaldes hinzuweisen - sie kann ja für fleißige Wanderer mitunter wichtiger werden als die schönste Aussicht.

Eine anschauliche Zeittafel erleichtert die Orientierung in der Geschichte des Wienerwaldes. Aus ihr ersieht man zum Beispiel, dass Siedlungen auf dem Jennyberg bei Mödling und dem Buchberg in Alland zu einer Zeit entstanden, als in Kleinasien die sagenumwobene Stadt Troja erbaut wurde. Wenn man offenen Auges - und mit den Wanderplänen aus dem Buch ausgerüstet - dort spazieren geht, kann man heute noch Spuren davon erkennen.

Höhlen-Kultur aus Baden

Besonders zahlreich sind die Fundstätten entlang der Thermenlinie: Zum Beispiel in der Königshöhle im Wolfstal bei Baden. Ihr Name leitet sich vom ungarischen König Bela IV. ab, der hier vor rund 750 Jahren Zuflucht vor dem Babenberger Friedrich II. suchte.

Die röhrenförmige Höhle entstand vor etwa 60 Millionen Jahren durch die Ausspülung des Urmeers und bot den Menschen schon in der Jungsteinzeit (5.500 bis 3.200 vor Christus) Schutz. Dies beweisen Steinwerkzeuge und Keramikscherben mit hohem Hals und eigenwillig hochgezogenen Henkeln, die der Badener Heimatforscher Gustav Calliano bei seinen Grabungen 1892 hier fand. Wegen ihrer eigenartigen Form bekam diese Kulturgruppe einen eigenen Namen: "Badener Kultur".

Calliano, der in der Königshöhle auch das Skelett eines Höhlenbären entdeckte, forschte ebenso auf dem nahen Lindkogel. Hier rekonstruierte er eine ausgedehnte Wallanlage aus der frühen Bronzezeit (2.300 bis 1.600 vor Christus), die noch bis in die Hallstattzeit (800 vor Christus) hinein benutzt worden war.

Von Gräbern und Gruben

Nicht nur der südliche Wienerwald ist reich an Funden, auch im Gebiet rund um den Leopoldsberg gibt es Spuren aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit). Beim Bau der Höhenstraße 1935 fand man dort 3.200 Jahre alte Urnenfeldgräber - zur Zeit ihrer Entstehung regierte Ramses II. in Ägypten.

Später diente der Leopoldsberg den Kelten zur Überwachung und Sicherung der wichtigsten Handelswege, bis sie die Zivilisation der Römer verdrängte. Auch letztere antike Kultur bietet ein schönes Ausflugsziel - eine römische Grabkammer bei Pressbaum aus dem Jahr 292 vor Christus.