Otto Bauer, der Sprecher der sozialdemokratischen Opposition, replizierte dem Bundeskanzler mit scharfen Worten in gewohnter rhetorischer Brillanz. Er zeigte Verständnis für die Empörung der Arbeiter, geißelte das Versagen und brutale Vorgehen der Polizei, gestand dann die Fehler ein, die von der Sozialdemokratie am 15. Juli begangen worden waren, und rief abschließend die Regierung und die bürgerlichen Parteien zur Nachsicht und Versöhnung auf. Sein Antrag, zur Klärung aller Vorfälle einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen, wurde von den Regierungsparteien mit Stimmenmehrheit zurückgewiesen.

Weitere Reden aus dem christlichsozialen und großdeutschen Lager gingen mit der Sozialdemokratie scharf ins Gericht, ein Landbündler verlangte die Todesstrafe für die "Unruhestifter".

Ein versöhnliches, versöhnendes Wort war weit und breit nicht zu hören. Die Sozialdemokraten etikettierten Seipel in Anspielung au den entsprechenden Passus in seiner Rede in demagogischer Manier als "Prälat ohne Milde", eine Kirchenaustrittsbewegung (1927 traten insgesamt 28.837 Gläubige aus der katholischen Kirche aus) machten dem Bundeskanzler als Priester und Seelsorger menschlich schwer zu schaffen.

Johannes Schober wurde von der sozialdemokratischen Presse als "Arbeitermörder" gebrandmarkt, was ihn tief traf, Karl Kraus, der wortgewaltige Herausgeber der "Fackel", führte gegen den Polizeipräsidenten einen Privatkrieg. Er forderte Schober öffentlich auf zurückzutreten.

Innerhalb der Sozialdemokratie prallten auf einem Parteitag im Herbst 1927 die innerparteilichen Gegensätze heftig aufeinander. Karl Renner riet zu einer Beteiligung an der Regierung. Das war natürlich in der damaligen innenpolitischen Situation nichts anderes als politisch-utopisches Wunschdenken. Sowohl seine sozialdemokratischen Gegner als auch Ignaz Seipel, der sich das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand nehmen ließ, wiesen das Ansinnen weit von sich.

Innenpolitische Folgen der Juli-Ereignisse

Die Ereignisse des 15. Juli 1927 hatten schwerwiegende Folgewirkungen. Die Sozialdemokraten hatten nicht nur eine Niederlage erlitten. Sie hatten ihr "Gesicht" verloren. Viele ihrer Parteigänger begannen an der Entscheidungsfähigkeit der Parteiführung zu (ver)zweifeln. Das Bürgertum gewann an Einfluss und Gewicht. Die Christlichsozialen bauten ihre Machtposition im Staate aus. Ignaz Seipel erkannte die Schwäche der Sozialdemokratie und arbeitete nunmehr mit Hilfe der Heimwehren auf deren Ausschaltung hin. Die faschistischen Heimwehren nahmen, mit massiver Unterstützung der bürgerlichen Parteien, des Klerus und von Unternehmerkreisen, vor allem in den Bundesländern einen bedeutsamen Aufschwung. Sie traten als Hüter von Recht und Ordnung immer stärker in den Vordergrund und sprachen sich offen gegen Parlamentarismus und Demokratie aus.

Lehren aus den Fehlern, die man auf allen Seiten gemacht hatte, wurden nicht gezogen. Politisches Macht- und Prestigedenken, paramilitärisches Gehabe, Intoleranz und ideologische Ausschließlichkeit gaben weiter den Ton an. Und so blieb nach den verhängnisvollen Julitagen des Jahres 1927, rückblickend gesehen, die österreichische Republik, zu Tode verwundet, auf der Kampfstätte zurück.