Das blutige Vorspiel

In der kleinen burgenländischen Ortschaft Schattendorf ereignete sich am 30. Jänner 1927 ein Zusammenstoß zwischen zwei örtlichen paramilitärischen Gruppen, die einander in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden: der im rechten politischen Lager angesiedelten Frontkämpfervereinigung und dem sozialdemokratischen Schutzbund. Das war in dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Beinahe an jedem Wochenende schlugen sich irgendwo in Österreich die Parteigänger der Rechten und der Linken die Schädel blutig. Die politischen Gegensätze wurden auf der Straße ausgetragen, in den Wirtshäusern und Versammlungsorten. Nicht mit Argumenten, sondern mit den Fäusten und mit Handfeuerwaffen. Verwundete und Tote gehörten dabei sozusagen zum Ritual.

Auch beim Zusammenstoß in Schattendorf floss Blut. Ein 40jähriger Kriegsinvalide und ein 8jähriger Eisenbahnerbub wurden erschossen, als der Zug der Schutzbündler am Gasthaus Tscharmann, dem Stammquartier der "Frontkämpfer", vorüberzog. Fünf Schutzbündler wurden verwundet.

Die Nachricht vom blutigen Ereignis in Schattendorf löste im linken Lager im Gegensatz zu ähnlichen Zwischenfällen in den vorangegangenen Jahren einen ungeheuren Sturm der Entrüstung aus. In Wien und Wiener Neustadt kam es zu Proteststreiks und Demonstrationen. Am 2. Februar 1927, dem Tag der Beisetzung der Opfer, riefen die sozialdemokratischen freien Gewerkschaften zu einem viertelstündigen Generalstreik in ganz Österreich auf, die Eisenbahnzüge hielten auf offener Strecke an. Tausende von uniformierten Schutzbündlern, die in Sonderzügen nach Schattendorf gekommen waren, nahmen am Begräbnis teil.

Freispruch im Geschworenenprozess

1927 war ein Wahljahr. Der Kampf um die Gunst der Wähler artete zur Schlacht aus und wurde von den Parteien mit erbitterter Gehässigkeit geführt. Am Abend des 24. April stand das Ergebnis der Nationalratswahlen fest: die Sozialdemokraten gewannen drei zusätzliche Mandate (insgesamt 71) und 228.000 Stimmen. Die aus Christlichsozialen und Großdeutschen bestehende Einheitsliste brachte es auf 85, der Landbund, eine national-liberale Bauernpartei, auf 9 Mandate. Prälat Dr. Ignaz Seipel bildete sein fünftes Kabinett, eine Koalitionsregierung, in die auch der Landbund eintrat. Der Landbündler Karl Hartleb wurde Vizekanzler und Innenminister. Die Sozialdemokraten bildeten die parlamentarische Opposition. Die politischen Fronten blieben starr und unbeweglich.

Am 4. Juli 1927 begann im zuständigen Landesgericht II auf dem Hernalser Gürtel vor einem Geschworenengericht der Prozess gegen die drei Männer, die die tödlichen Schüsse in Schattendorf abgefeuert hatten. Die Anklage lautete auf "öffentliche Gewalttätigkeit". Die Verhandlung, die elf Tage dauerte, wurde im ganzen Land mit großer Aufmerksamkeit und Spannung verfolgt, in den verschiedenen Tageszeitungen gab es seitenlange Berichte darüber. In den Abendstunden des 14. Juli erfolgt dann der Urteilsspruch. Obwohl der Staatsanwalt in seinem Schlussplädoyer die Geschworenen aufforderte, die Angeklagten vor dem Gesetz schuldig zu sprechen, entschieden sich diese mehrheitlich für einen Freispruch. Sie beurteilten die Tat nicht einmal als Notwehrüberschreitung.

Die Tagespresse reagierte in ihren Morgenausgaben auf das offensichtliche Fehlurteil je nach parteipolitischer Ausrichtung unterschiedlich.

"Ein klares Urteil", titelte die christlichsoziale "Reichspost" und führte unter anderem aus: "Zwei Gruppen von Angeklagten standen in dem Schattendorfer Prozess vor den Richtern. Die eine Gruppe, das waren die drei Frontkämpfer . . . Die andere, viel größere Gruppe, bestand aus bekannten und unbekannten Personen, aus kleinen Raufbolden und einflussreichen Parteimännern, gegen die keine Anklage erhoben war, die aber alle zusammen für die traurigen Ereignisse vom 30. Jänner verantwortlich sind . . . So sehr es das Rechtsempfinden befriedigt, dass die Geschworenen die moralische Schuldfrage klar beantwortet haben, so bitter ist die Erkenntnis, dass die wahren Schuldigen strafgesetzlich nicht zu fassen sind. Es bleibt nur der Wunsch, dass die sozialdemokratische Arbeiterschaft aus dem Schattendorfer Prozess erkennt, wie frevelhaft sie von ihren Führern belogen und mit Lügen verhetzt wird". Die liberale "Neue Freie Presse" berichtete ihren Lesern über das Schattendorfer Urteil: " . . . Die Zuhörer blieben stumm. Niemand bewegte sich, nicht der leiseste Ausruf ist hörbar . . . Gibt es niemanden, der vor Entsetzen gepackt ist, dass zwei Menschen, ein armes Kind und ein Invalide, in Schattendorf ums Leben gebracht wurden, und jenen, die die tödlichen Schüsse abfeuerten, nicht einmal eine leichte Strafe auferlegt wurde? . . ."

In der sozialdemokratischen "Arbeiter-Zeitung" prangerte Chefredakteur Friedrich Austerlitz das Urteil mit scharfen Worten an. "Nichts wird den drei Angeklagten, die am 30. Jänner in Schattendorf in eine Menschenmenge hineinschossen, mit vollem Vorsatz die todbringenden Schüsse auf Menschen abgefeuert haben, die zwei Menschen vernichtet und fünf Menschen verletzt haben, nichts wird ihnen geschehen, kein Haar wird ihnen gekrümmt werden", formulierte er scharf anklagend, "die eidbrüchigen Gesellen auf der Geschworenenbank haben sie von allen Schuldfragen freigesprochen . . . Eine Schurkerei ist diese Freisprechung, wie sie in den Annalen der Justiz wohl selten, vielleicht noch nie erlebt worden ist . . ." Und Austerlitz schloss den langen Artikel mit einem Unheil verkündenden, geradezu prophetischen Ausblick: "Die bürgerliche Welt warnt immerzu vor dem Bürgerkrieg. Aber ist diese glatte, diese aufreizende Freisprechung von Menschen, die Arbeiter getötet haben, weil sie Arbeiter getötet haben, nicht schon selbst der Bürgerkrieg? Wir warnen sie alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie es gestern geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen."