Das Unheil sollte bald seinen Lauf nehmen, ohne dass es die politischen Willensträger zunächst so deutlich kommen sahen, wie der Chefredakteur der "Arbeiter-Zeitung".

Der sozialdemokratische Parteivorstand, der im Parteihaus in der Rechten Wienzeile die Lage beriet, fasste keine Beschlüsse. Zwar gingen bei den Beratungen die Wogen der Empörung hoch, aber gegen das Urteil eines Geschworenengerichtes konnte man schwer ernsthafte Schritte unternehmen. Schließlich gehörte die Geschworenengerichtsbarkeit für die Sozialdemokratie zum Selbstverständnis einer demokratischen Rechtsordnung. Also ging man auseinander, nicht ohne Friedrich Austerlitz den Auftrag zu erteilen, in einem Leitartikel scharf gegen das Urteil Stellung zu beziehen. Als Ventil, als Beschwichtigung des Parteivolks. In diesem Sinne instruierte Julius Deutsch, der Führer des Schutzbundes, dann auch den Wiener Polizeipräsidenten Johannes Schober, als dieser bei ihm telefonisch anfragte, ob die Sozialdemokraten irgendeine Maßnahme planten.

Die Parteiführung hatte freilich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Bei den Nachtschichtarbeitern in der städtischen E-Werk-Zentrale im 9. Wiener Gemeindebezirk löst die Nachricht vom Urteilsspruch riesige Erregung aus. Sie wollen am nächsten Tag aus Protest streiken. Ehe sie den Entschluss fassen, schicken sie eine Delegation in das sozialdemokratische Parteihaus. Sie treffen dort nur noch Austerlitz an. Otto Bauer, der scharfzüngige Wortführer der Partei, weicht einem Zusammentreffen mit den Arbeitern aus. Julius Deutsch wird um 3 Uhr früh davon unterrichtet. Er fährt in einem Taxi zur Elektrizitätswerkszentrale, um die Mitglieder des Betriebsrates umzustimmen. Aber er trifft nur noch einige an. Der Streikbeschluss ist bereits gefasst. Der sozialdemokratische Parteivorstand überlässt die weitere Entwicklung zunächst dem Zufall.

Die Ereignisse überschlagen sich

Der Leitartikel des Chefredakteurs der "Arbeiter-Zeitung" löst in den Morgenstunden des 15. Juli 1927 in einigen Wiener Großbetrieben Unmutskundgebungen gegen das "Schattendorfer Schandurteil" aus. Protestversammlungen werden abgehalten, es gibt aufgeregte Debatten, die Empörung ist groß. Da wird plötzlich um 8 Uhr der Strom angeschaltet. Die Arbeiter der E-Werk-Zentrale in der Mariannengasse haben ihren Streikbeschluss wahrgemacht und ein unmissverständliches Zeichen gesetzt. Der öffentliche Verkehr ist lahmgelegt, die Telefone stehen still. Im Nu formieren sich Demonstrationszüge und setzen sich in Richtung Innenstadt in Bewegung.

Die ersten, die an diesem Sommermorgen die Ringstraße erreichen, sind die Elektrizitätsarbeiter. Sie stoßen bei der Universität auf einige Polizeibeamte. Es kommt zu kleineren Zusammenstößen, die jedoch von den Ordnern aus den eigenen Reihen rasch eingedämmt werden können. Gegen neun Uhr erreicht der geschlossenen Zug, dem mittlerweile lose Gruppen und andere Demonstrationskolonnen zugeströmt sind, das Parlamentsgebäude, das von einem dünnen Polizeikordon, zu dem später berittene Polizei stößt, abgeschirmt wird. Die Wiener Polizeidirektion hat das Ausmaß der Demonstration wie schon zuvor die sozialdemokratische Parteileitung, gewaltig unterschätzt und nur unzureichende Vorkehrungen getroffen. Drohungen werden laut, Beschimpfungen ausgestoßen, Protestgeschrei ertönt. Die Polizei fühlt sich bedroht, der Leiter des Polizeieinsatzes an Ort und Stelle verliert die Nerven. Er gibt Befehl, mit gezogenem Säbel und im Galopp gegen die Menge vorzugehen. Nun gibt es kein Halten mehr. Aus der lautstarken Kundgebung wird ein zügelloser, gewalttätiger Aufruhr, der eigenen Gesetzen gehorcht.

Die Demonstranten weichen vor der Polizei zurück, sammeln sich, bewaffnen sich mit Steinen, Holzlatten Eisenstäben und Mauerklampfen, die sie von einigen in der Nähe befindlichen Baustellen herbeischleppen. Rasch werden Barrikaden aus Parkbänken, Baugerüstteilen und anderem greifbaren Material errichtet. Die Wachleute werden mit einem Steinhagel überschüttet, die berittene Polizei kann sich nicht durchsetzen und muss den Demonstranten die Straße überlassen. Vergeblich versuchen einzelne sozialdemokratische Führer und der Republikanische Schutzbund, der zu sät als Ordnertruppe aufgeboten wird, das sich anbahnenden Unheil zu stoppen. Es ist nichts mehr zu machen. Die wütende Menge erstürmt das Wachzimmer in der Lichtenfelsgasse und verwüstet die Redaktion der deutschnationalen "Wiener Neustädter Nachrichten" in der nahe gelegenen Josefsgasse im 8. Gemeindebezirk.

Um die Mittagszeit richtet sich die Wut der Menge gegen den von der Polizei schwach beschützten Justizpalast, dem verhassten Symbol der "Klassenjustiz". Einige Demonstranten dringen durch das Haupttor und die durch Steinwürfe zertrümmerten Fenster in das Gebäude ein und legen Feuer. Aktenbündel werden angezündet und auf die Straße geworfen, Möbelstücke zertrümmert und verbrannt. Um 12.28 Uhr erhält die Feuerwehr die erste Brandmeldung aus dem Justizpalast. Als sie mit einigen Löschwagen anrückt, versperren ihr die Massen und Barrikaden den Weg. Selbst Karl Seitz, dem beliebten Wiener Bürgermeister, gelingt es nicht, den Löschmannschaften freie Bahn zu verschaffen. Er wird beschimpft und tätlich angegriffen.