Während sich alle diese Vorgänge in den Straßen um das Parlamentsviertel abspielten, fand auf dem Ballhausplatz ein Ministerrat statt, tagte der sozialdemokratische Parteivorstand, kam es zu Telefonaten und Kontakten zwischen Polizeipräsident Schober und sozialdemokratischen Parteiführern, die dem Ziel dienten, die aus allen Fugen geratene Massenkundgebung unter Kontrolle zu bringen. Da die Polizei über zu wenig Gewehre und Autos verfügte, schlug Schober dem Wiener Bürgermeister den Einsatz des Bundesheeres vor, was Seitz aus Angst vor einem Blutbad jedoch ablehnte. Daraufhin ließ der Polizeipräsident im Einvernehmen mit Bundeskanzler Seipel junge, erst in Ausbildung stehende Polizisten mit Bundesheerkarabinern ausrüsten und gab Befehl, vorzurücken und die Demonstration gewaltsam aufzulösen. Versuche, dies im allerletzten Augenblick zu verhindern, scheiterten.

Nun steuerten die Ereignisse dieses Tages rasch dem tragischen Höhepunkt zu. Kurz nach 14 Uhr, gerade in dem Augenblick, im dem der erste Löschzug zum brennenden Justizpalast vorgedrungen war, donnerten die ersten Gewehrsalven über den Schmerlingplatz. Die Polizeischüler, die für einen derartigen Einsatz völlig ungeeignet und unvorbereitet waren, schossen ziellos in die Menge, ballerten wild um sich. Dabei kam, wie heute eindeutig nachgewiesen ist, Scheibenschussmunition zum Einsatz, die bei den Getroffenen furchtbare Wunden verursachte.

Die "Neue Freie Presse" schrieb in ihrer Ausgabe vom 18. Juli 1927 über die zum erwähnten Zeitpunkt unnötige Polizeiaktion: "Die Schüsse und deren Echo riefen Entsetzen hervor. Frauen und Kinder kreischten. Die Menge rannte wie besessen. Sie bahnte sich drängend und stoßend ihren Weg in die Häuser und die wenigen offenen Geschäfte. Die Polizei fuhr fort zu schießen. Da die Schüsse hier, dort und drüben abgefeuert wurden, wurden die Menschen von furchtbarer Panik ergriffen. Niemand wusste, wohin er fliehen sollte. In den Pausen zwischen zwei Salven wurden die Opfer in das Parlament getragen - viele tot und sehr viele schwer verwundet, meistens Kopf-, Brust- und Unterleibsverletzungen . . . Überall, wo sich Menschen angesammelt und Rufe gegen die Polizei ausgestoßen hatten, fielen sofort regellos Schüsse".

Gegen 17 Uhr verhallten die letzten Gewehrsalven. Das Parlamentsviertel war "gesäubert". Am Abend und am nächsten Tag wurde auch in den Arbeiterbezirken die Ruhe wiederhergestellt. Die Bilanz war furchtbar: auf Seiten der Demonstranten waren 85 Tote zu beklagen, zwei Drittel davon im Alter zwischen 18 und 31 Jahren. Die Polizei hatte vier Todesopfer zu verzeichnen. Auf beiden Seiten gab es Hunderte von Schwer- und Leichtverletzten.

Versagen der Politik

In der Absicht, die Massen unter Kontrolle zu bekommen und auf die Regierung Druck auszuüben, rief die sozialdemokratische Parteiführung einen eintägigen Generalstreik und einen unbefristeten Verkehrsstreik aus. Otto Bauer und Karl Seitz erschienen am Nachmittag des 15. Juli am Ballhausplatz und verlangten den Rücktritt Seipels. Es war ein taktisch unkluger und unrealistischer Schritt. Der Bundeskanzler wies das Ansinnen kühl zurück. In einer demokratischen Republik könne ein Rücktritt der Regierung nur durch ein von der Mehrheit der Abgeordneten unterstütztes Misstrauensvotum im Parlament herbeigeführt werden, konterte er. Da hatte er zweifellos das verfassungsmäßige Recht auf seiner Seite.

Der Verkehrsstreik wurde zunächst lückenlos durchgeführt, stieß jedoch in den bürgerlich verwalteten Bundesländern bald auf heftigen Widerstand. Bundesheer, Gendarmerie und die als "Hilfspolizei" auftretende Heimwehr besetzten Bahnhöfe und richteten einen privaten Eisenbahn- und Postverkehr ein. Ein Teil der steirischen Heimwehr stand, mit Maschinengewehren und Karabinern bewaffnet, zum Marsch auf Wien bereit. Unter dem Eindruck dieser Ereignisse brach die sozialdemokratische Parteiführung am 19. Juli den Streik ab.

An den beiden nächsten Tagen wurden auf dem Wiener Zentralfriedhof die Opfer der Julikatastrophe in getrennten Trauerfeiern beigesetzt. Nichts als diese Tatsache zeigt deutlicher, dass die beiden großen politischen Lager im buchstäblichsten Sinn des Wortes bis auf den Tod verfeindet waren. Am Begräbnis der vier getöteten Polizisten nahm neben der gesamten Bundesregierung auch Bundespräsident Dr. Michael Hainisch teil, der in der Krise, die die junge Republik bis auf die Grundfesten erschütterte, keine einzige öffentliche Stellungnahme abgab. Hainisch war ein rechtschaffener, allseits geachteter Mann, der sein hohes Amt mit untadeligem persönlichen Anstand führte.

Er wird für sein Schweigen Gründe gehabt haben. Aber es bleibt dennoch zu fragen, warum der höchste Repräsentant des Staates seine moralische Autorität nicht zur Beruhigung der Lage eingesetzt, die Parteiführer nicht zu einem Versöhnungsgespräch eingeladen hat. Hielt er von einem Appell an die Vernunft nichts? War er von vorneherein von der Aussichtslosigkeit überzeugt, eine Rolle als Vermittler spielen zu können?

Parlamentarisches Nachspiel

Die Gräben zwischen den politischen Fronten waren schier unüberbrückbar. Dies zeigte die Sondersitzung des Parlaments, in der die Ereignisse des 15. Juli 1927 auf der Tagesordnung standen. War der 25. Juli noch einer Trauersitzung gewidmet, bei der der Erste Präsident des Nationalrates und spätere Bundespräsident Wilhelm Miklas die Trauerrede hielt, prallten an den beiden nächsten Tagen die gegensätzlichen Standpunkte mit voller Heftigkeit aufeinander. Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel, der als Erster das Wort ergriff, gab im seelischen Zwiespalt zwischen seinem priesterlichen Ethos und seinem politischen Machtwillen dem Staatsmann und Machtpolitiker den Vorzug. Er verteidigte das Schwurgerichtsurteil, kritisierte in der Pose des Siegers das Verhalten der sozialdemokratischen Parteiführung und der "Arbeiter-Zeitung" und warf dem Wiener Bürgermeister Seitz persönliches Fehlverhalten beim Ausbruch der Ausschreitungen vor. Seine Rede gipfelte in den Worten: "Verlangen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen an den Unglückstagen gegenüber milde erscheint, aber grausam wäre gegenüber der verwundeten Republik. Verlangen Sie nichts, was ausschauen könnte wie ein Freibrief für solche, die sich empören. Verlangen Sie nichts, was Demonstranten und denen, die sich ihnen anschließen, um zu plündern und Häuser in Brand zu stecken, den Mut machen könnte, ein anderes Mal wieder so etwas zu tun, weil ihnen ohnehin nicht viel geschehen kann. Es liegt uns nichts ferner, als hart sein zu wollen, aber fest wollen wir sein. . ."