. . . sagte Ferdinand, eben hatte er als Kaiser abgedankt, zu seinem gerade Kaiser von Österreich etc. etc. gewordenen Neffen Franz Josef, am 2. Dezember 1848, um ca. 8 Uhr 30, im bischöflichen Palais zu Olmütz. Das geschichtliche Faktum ist mit einen Satz beschrieben, Ort und Zeit präzise festgestellt. Die Geschichten aber und ihre Beschreibungen, wie es dazu gekommen ist, sind zahlreich und vielfältig.

1835 hatte Kaiser Ferdinand nach dem Tod seines Vaters Franz I. den Thron Österreichs geerbt. Einem Hofrat, der zu dem vor der Hofburg den Tod von Kaiser Franz beweinenden Volk gesagt haben soll, man bräuchte doch nicht zu weinen, es bliebe ja eh alles beim Alten, habe man geantwortet: "Deswegen weinen wir ja". Ferdinands Beiname "der Gütige" - vom Volk in "Gütinand der Fertige" verdreht - beschreibt nur unvollkommen seine Schwachheit. Des Kaisers (Geistes)Krankheit und Entscheidungsunfähigkeit machen den Fürsten Metternich zur wahren Macht in Österreich, die Hofkamarilla verwaltet weiter, absolutistisch. Von "Regieren" zu schreiben, wäre übertrieben: Der Wahlspruch eines der Mitglieder der Staatskonferenz von Metternichs Gnaden soll gewesen sein: "Liegen lassen ist die beste Erledigung." Das Volk lässt es sich gefallen: Biedermeier.

Die 1848 in Paris ausgebrochene Revolution greift auch auf Österreich über: Mailand, Venedig, Krakau, Prag, Wien, Budapest. Am 13. März tritt Metternich zurück, der Kaiser verspricht eine liberale Verfassung. Diese, von Franz von Pillersdorf ausgearbeitete "Oktroyierte Verfassung" ist aber dem Volk nicht weitgehend genug, im Mai kommt es wieder zu einem Aufstand. Der Kaiser flieht nach Innsbruck. In Frankfurt tritt die Deutsche Nationalversammlung zusammen, in Wien der erste gewählte Reichstag. In den österreichischen Provinzen können die Marschälle Radetzky und Windischgrätz die Aufständischen besiegen. In Wien kommt es aber im Oktober erneut zu einem Aufruhr, als Truppen gegen die ungarischen Aufständischen ziehen sollen; am Kriegsminister Latour wird ein Lynchmord begangen. Der am 12. August nach Schönbrunn zurückgekehrte Kaiser und sein Hof fliehen wieder, nach Olmütz, wo man am 14. Oktober eintrifft. Die "Kaiser Ferdinands Nordbahn" gibt es zwar schon, aber Sabotage fürchtend reist man lieber mit der Kutsche. Der Reichstag wird in das von Olmütz 30 km entfernte Kremsier verlegt, um dort eine Verfassung auszuarbeiten.

Olmütz ist eine gute Wahl: Von Wien nur so weit wie Graz und Linz entfernt, aber weit von den Unruheherden in Ungarn und Norditalien und näher zu den konservativen Monarchien Preussen und Russland. Die Stadt in Mittelmähren ist eine der größten Festungs- und Garnisonsstädte der Habsburgerlande, mit fast so vielen Soldaten wie Einwohnern - und die sind ihrem Fürsterzbischof treu ergeben. Allerhöchste Residenz wird das bischöfliche Palais, innerhalb der Festungsmauern gelegen. Um 1670 erbaut, ist es für einen Bischof eine respektable Residenz, für den Kaiserhof - mit Ferdinand waren noch seine Frau, sein Bruder Franz Karl mit dessen Frau Sophie, deren Söhne Franz und Maximilian und noch einige Erzherzöge mit ihrem jeweiligen Hofstaat, und Minister gekommen - aber doch recht klein, so dass man zusammenrücken muss.

Was tun ? Auch nachdem Ende Oktober Banus Jellacic und Fürst Windischgrätz Wien von den Aufständischen zurückerobert haben und die Köpfe der Anführer gefallen sind, traut man der Ruhe nicht. Das Standrecht bleibt weiter verhängt. Am 21. November wird Felix Fürst zu Schwarzenberg zum Ministerpräsidenten ernannt. Als Offizier und Diplomat war er in St. Petersburg, Lissabon und London - wo er einem Lord seine hübsche Lady entführte und deshalb dann seinen Posten verlassen musste. Ihn zeichnete nicht nur Welt- und Menschenkenntnis aus, sondern auch der absolute Wille zur Erhaltung der Habsburgermonarchie als Großmacht in Deutschland wie in Europa. Aber dafür musste ein neuer Kaiser her. Die Thronfolge ist klar: Tritt der kinderlose Ferdinand zurück, ist Thronfolger sein nächstältester Bruder, Franz Karl, und dann dessen Sohn, der gerade 18 Jahre alte Erzherzog Franz. Da auch bei Franz Karl, der am liebsten Gespensterromane liest, Segelschiff-Modelle bastelt und allem militärischen abgeneigt ist, Zweifel an seiner Härte und damit, aus damaliger Sicht, an der Regierungsfähigkeit bestehen, sollte es Erzherzog Franz werden. Der aber soll seinen zweiten Vornamen "Josef" in den kaiserlichen Namen aufnehmen, um damit einen Hinweis auf den letzten reformfreudigen Kaiser, Joseph II., zu geben.

Am 2. Dezember 1848 verliest Kaiser Ferdinand im Thronsaal des bischöflichen Palais zu Olmütz die für die nächsten 68 Jahre Österreichs entscheidenden Worte: "Wichtige Gründe haben Uns zu dem unwiderruflichen Entschlusse gebracht, die Kaiserkrone niederzulegen, und zwar zugunsten unseres geliebten Neffen, des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Franz Joseph, Höchstwelchen Wir für großjährig erklärt haben, nachdem Unser geliebter Bruder, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Karl, Höchstdessen Vater, erklärt haben, auf das Ihnen nach den bestehenden Haus- und Staatsgesetzen zustehende Recht der Thronfolgezu Gunsten Höchstihres vorgenannten Sohnes unwiderruflich zu verzichten." So der Staatsakt. Dem Dank des neuen Kaisers folgt die titelgebende Antwort des verzichtenden Ferdinand. Proklamiert wird die Thronbesteigung unter Trompetenstössen, vom Balkon des Olmützer Rathauses, in deutsch und böhmisch: "Demgemäß verkünden wir hiemit, wienach Seine Majestät der nun regierende Kaiser und König Franz Joseph der Erste die Regierung angetreten habe, und entbieten in Allerhöchst Dero Auftrag Jedermann Allerhöchst Ihre kaiserliche Huld und Gnade. Hoch lebe Kaiser Franz Joseph der Erste !"