Diese Stimmung richtete sich besonders gegen Elfriede Friedländer, wobei wohl eine Rolle spielte, dass sie als Frau in einer fast ausschließlich aus Männern bestehende Partei das große Wort führte.

Schließlich kapitulierte sie vor diesen Anfeindungen und akzeptierte ein Angebot aus Deutschland von Willi Münzenberg, dem Begründer und leitenden Sekretär der kommunistischen Jugendinternationale. Da die Grenze nach Deutschland noch gesperrt war, ging sie Anfang September in Vorarlberg über die Berge, wobei sie sich bei einem Sturz verletzte. Sie erreichte eine Bahnstation und rief Münzenberg an, der sie dann in Stuttgart auf dem Bahnhof abholte. Er brachte sie zur Galionsfigur der proletarischen Frauenbewegung Clara Zetkin, die sich von einer Sozialdemokratin zu einer Kommunistin gewandelt hatte. Zetkin pflegte drei Wochen lang die verletzte Wienerin, die dann nach Berlin weiterreiste. Sie erhielt falsche Papiere als Hilde Geiringer und war zuerst im Frauenreferat der KPD, dann für das deutsche Büro der Komintern (Kommunistische Internationale) tätig. Mit Zeitungsartikeln, Broschüren und Versammlungsreden erlangte sie rasch großes Ansehen in der Berliner KPD. Dabei benützte sie nicht den Namen in ihren falschen Papieren, sondern nannte sich Ruth Fischer.

Die deutschen Kommunisten waren schon früher von einer jüdischen Frau aus dem Ausland fasziniert gewesen, von der brillanten Denkerin, Schreiberin und Rednerin Rosa Luxemburg aus Polen, die heute noch ein Idol der Linken ist. Sie wurde am 15. Jänner 1919 in Berlin von Rechtsradikalen ermordet. Wohl wegen ihres Opfertodes verziehen ihr die Kommunisten auch später, nach der ideologischen Gleichschaltung, ihre scharfe Kritik an Lenin wegen dessen undemokratischer Terrorpolitik. Vielleicht sahen deutsche Kommunisten in der neuen jüdischen Frau mit dem fremden Akzent, diesmal einem wienerischen, so etwas wie eine Nachfolgerin ihrer ermordeten Heldin.

Politische Erfolge in Berlin

Für die politische Karriere brauchte Ruth Fischer allerdings eine wasserdichte Legalisierung und die deutsche Staatsbürgerschaft. Deshalb fuhr sie 1922 nach Wien, ließ sich von Dr. Paul Friedländer scheiden, holte ihren Sohn - für den bis dahin die Großeltern Eisler gesorgt hatten - nach Berlin und schloss dort eine Scheinehe mit einem Herrn Golke, dem Bruder des Parteikassiers der KPD. Kurz darauf wurde die Wienerin zur Vorsitzenden des 24.000 Mitglieder zählenden KPD-Bezirks Berlin-Brandenburg gewählt.

1924 kandidierte sie auf Platz 1 für den preußischen Landtag und auf Platz 3 für den Reichstag. Die Partei erreichte einen sensationellen Wahlerfolg (62 Mandate im Reichstag!), Ruth Fischer erhielt beide angestrebten Mandate. Noch im gleichen Jahr 1924 eroberte sie in Deutschland jene Position, die sie in Österreich nicht halten konnte: Nummer 1 in der KP. Ihr genauer Funktionstitel: Vorsitzende des Politischen Büros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der III. Internationale).

Als Parlamentarierin war Ruth Fischer wegen ihrer langen und aggressiven Reden, in denen sie sich meistens über den Parlamentarismus lustig machte, gefürchtet. In der Partei war sie bald wegen ihrer extrem linken Haltung ebenso umstritten wie zuvor in Österreich. Dabei spielte wieder die ablehnende Haltung gegenüber dem Führungsanspruch von Intellektuellen eine Rolle. Wortführer dieses Widerstandes war der Hamburger Hafenarbeiter Ernst Thälmann.

Am 29. Dezember 1924 fuhr Ruth Fischer nach Wien, mit falschen Papieren als Helene Stein. Solche Reisen deutscher KP-Funktionäre nach Wien kamen zwischen 1923 und 1926 öfter vor.

Die Akten im Wiener Polizei-Archiv, die das belegen, liefern allerdings keine Informationen, warum dabei immer falsche Papiere benützt wurden. Die einzig denkbare Erklärung ist, dass diese Funktionäre - unter ihnen die späteren DDR-Spitzen Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht - nicht wegen des Kontaktes mit der legalen KPÖ nach Wien kamen, sondern mit einem geheimen Auftrag der Komintern. Das könnte der Kontakt mit dem illegal in Wien wirkenden Balkan-Büro gewesen sein. Dieses Büro organisierte die Arbeit der durchweg verbotenen KPs auf dem Balkan. Sein Leiter war Georgi Dimitroff (später Generalsekretär der Komintern und 1946-49 Ministerpräsident von Bulgarien).

Ruth Fischer stieg im Hotel Dianabad ab. Am 2. Jänner 1925 verletzte sie die offenbar gebotenen Gebote der Konspiration und besuchte die ständig polizeilich überwachte sowjetische Gesandtschaft in der Reisnerstraße. Beim Verlassen des Gebäudes wurde sie perlustriert und dabei festgestellt, dass ihr Pass gefälscht war. Im Schnellverfahren wurde sie zu einer Geldstrafe von 120.000 Kronen (12 Schilling) verurteilt und nach Deutschland abgeschoben.

Schlimmeres geschah ihr zwei Monate später. Stalin befahl das Politische Büro der KPD nach Moskau. Im erweiterten Plenum der EKKI (Exekutivkomitee der Komintern) hielt er am 8. März 1925 eine Brandrede gegen rechte und linke Abweichler in der KPD-Führung. Der letzte und schärfste Angriff begann: "Von allen unerwünschten und negativen Grupen der KPD ist die Gruppe Ruth Fischer die unerwünschteste und negativste." Er warf ihr "doppelte Buchführung in der Politik, ihre Praxis, das eine zu sagen und das andere zu tun, den ewigen Widerspruch zwischen Wort und Tat" vor.