Crowdsourcing heißt die Methode heute. Mit Wikipedia ist laut Stock diese Methode entstanden und groß geworden. "Ich wende mich an die Öffentlichkeit und bitte um Mithilfe", erklärt Stock. Mittlerweile wird Crowdsourcing im Forschungsbereich auch von Weltunternehmen wie Procter & Gamble angewandt. "Was früher streng geheim war, steht heute im Internet", so Stock.

Allwissend ist Wikipedia aber nicht und Kritiker warnen davor, das Lexikon als alleinige Quelle heranzuziehen. Denn "natürlich steht auch Blödsinn drinnen", so Stock. Blödsinn, der sich schnell verbreitet, wie es Wikipedia schon öfters auch passiert ist, etwa bei Angaben zu Personen. Abgesehen von den Fakten, sind Artikel mitunter meinungsgefärbt. "An Objektivität kann sich der Autor halt immer nur so gut es geht annähern, aber diese nie ganz erreichen", sagt Stock.

Der Medienprofessor und glühende Wikipedia-Fan weist auch auf die Probleme des Online-Lexikons hin. Ein geschlossener Klub, zu viele Regeln und ein rüder Umgangston würden dazu führen, dass sich immer weniger Autoren für das Ehrenamt begeistern. "Wikipedia hat ein Nachwuchsproblem", so Stock. Hinter dem Bildschirm herrscht ein sogenannter Edit-War. Es wütet ein Glaubenskrieg zwischen den "Inklusionisten", die möglichst viele Artikel in Wikipedia aufnehmen wollen, und den "Exklusionisten", die eher löschen wollen.

Auch führt laut Stock die Anonymität bei Wikipedia zu einem untragbaren verrohten und brutalen Umgangston zwischen den Wikipedianern. "Da geht es im englischsprachigen Raum wesentlich vornehmer zu", sagt der deutsche Medienprofessor.

Um das Vertrauen der Bevölkerung in Wikipedia zu stärken, hat Stock eine Kontroll-Website namens "Wiki-Watch" mitbegründet, die Informationen darüber gibt, etwa wie viele Autoren den Eintrag verfasst haben, was wann gelöscht wurde, welche Artikel wie oft gelesen wurden und über welche Passagen gestritten wurde. Das Wertesystem zeigt vertrauenswürdige Quellen.

Wikipedia lebt davon, dass Menschen unentgeltlich ihr Wissen zur Verfügung stellen. "Das sind Leute, die an die gute Sache glauben", sagt Stock. "In Ländern, in denen der Zugang zu Wissen nicht so einfach ist, ist die Entwicklungshilfe, die Wikipedia hier leistet, unbeschreiblich."

"Wikipedia ist nicht mehr zu stoppen und das ist gut so." Wolfgang Stock, Medienprofessor

Wissen

Wikipedia gibt es in 260 Sprachen. Die deutschsprachige Version wuchs auf mehr als eine Million Artikel, die englischsprachige hat über drei Millionen Einträge. Alle Inhalte der Wikipedia stehen unter freien Lizenzen und können somit selbst kommerziell genutzt, verändert und verbreitet werden. Betreiber ist die Wikimedia Foundation, Inc., eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in San Francisco, Kalifornien. Der längste Artikel handelt auf umgerechnet 150 DIN-A4-Seiten den Schamanismus ab.