Auf einmal war er da. Joachim Löws Karriere verlief ungewöhnlich. Als Teamchef ist er in Deutschland aber unumstritten und Architekt einer neuen Spielphilosophie. Foto: ap
Auf einmal war er da. Joachim Löws Karriere verlief ungewöhnlich. Als Teamchef ist er in Deutschland aber unumstritten und Architekt einer neuen Spielphilosophie. Foto: ap

Löw hat einen riesigen, 38-köpfigen Betreuerstab in Südafrika zur Verfügung, darunter drei Fitness-Trainer, vier Ärzte und zwei Scouts. Studenten der Sporthochschule Köln erarbeiten Dossiers über alle Gegner der Deutschen, sezieren deren Spielsysteme, zeigen Schwächen auf und erstellen sogar Berichte über die Stimmung in den jeweiligen Ländern. Die Dossiers umfassen einige hundert Seiten, Löws Betreuerstab arbeitet dann die relevanten Daten aus diesen Konvoluten heraus. Zufall? Das war einmal.

Zum Beispiel im Jahr 2004, da rief Jürgen Klinsmann bei Löw an, der zu dieser Zeit arbeitslos war. Die beiden hatten einander bei einem Trainerkurs kennengelernt, nach seiner Bestellung zum deutschen Teamchef hatte Klinsmann sofort an seinen Kollegen gedacht. Klinsmann mag der Initiator des deutschen Sommermärchens gewesen sein, Löw aber war dessen Autor. Nach der Heim-WM bekam der heimliche Stratege, der schon damals für die Taktik zuständig war, die Chefrolle, längst ist er unumstritten.

Karriereleiter nach unten

Ein paar Monate vor seinem Wechsel zum DFB war eine derartige Laufbahn nicht einmal in Ansätzen zu erahnen. Löw hatte sich zwar Ende der 90er Jahre bei Stuttgart erste Meriten verdient, doch danach konnte er sich nirgendwo länger halten. Nicht bei Fenerbahce, nicht beim KSC. Er stieg die Karriereleiter hinunter, landete bei Adanaspor, dann in Tirol und schließlich im Sommer 2003 bei der Austria.

"Da hat man es eben immer schwer", erzählt Thomas Flögel, der in dieser Zeit unter Löw gespielt hat. "Er kam nach Christoph Daum und hat vieles umgedreht. Er hat damals schon seine Leute um sich gebraucht. Das kann er. Bei der Austria aber waren Leute am Werk, die das nicht zugelassen haben."

Flögels Erinnerungen an jene Zeit sind nicht die besten, er hatte unter Löw seinen Stammplatz bei der Austria verloren. "Es war ruhig und professionell, aber es war nicht so, dass er als Trainer etwas ganz Besonderes gehabt hat."

Und es ist auch nicht so, dass das Spiel der Deutschen bei der WM von sonderlich hoher Komplexität getragen ist, es ist das einfache Spiel, das Löw forciert, das er in den beiden Trainingslagern vor der Abreise nach Südafrika immer und immer wieder eingeübt hat. "Ballmitnahme, Spiel ohne Ball, spielen und gehen", erzählt der Bundestrainer in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Stammgast im Strafraum

Das Beherrschen des Einfachen ist für ihn der Schlüssel zum Erfolg. Keine andere Mannschaft spielt bei dieser WM so schnell und direkt nach vorne. Die Teams aus Spanien, Brasilien und Argentinien mögen mehr Torschüsse, mehr Angriffe und mehr Pässe produziert haben - so verrät es die Statistik -, Deutschland aber verbucht die meisten Abschlüsse innerhalb des Strafraums, und zwar mit Abstand. Und das ist im Fußball noch immer entscheidend. Dort hinzukommen, wo die größte Gefahr erzeugt werden kann.

Mit der WM endet auch der Vertrag Löws als Teamchef, eine vorzeitige Verlängerung scheiterte überraschenderweise, doch es ist davon auszugehen, dass Löw bleibt. Für den DFB wird das teuer werden, schließlich will der Verband seinen Teamchef unbedingt halten. "Bis auf Löw sind wir alle austauschbar", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger einmal.

In Deutschland werden Löw, der viele Jahre nur belächelt wurde - sicherlich auch wegen seines starken badischen Dialekts -, Hymnen gesungen. Bei der Austria dagegen hatte man nicht die Geduld mit dem nunmehr 50-Jährigen. Nach seinem Rauswurf in Wien sagte Löw: "Eine Tür geht zu, eine andere geht auf." Wie recht er hatte. Zwei Monate später erhielt er einen Anruf. Es war Jürgen Klinsmann.