Obwohl Sikhs stets einen Dolch bei sich tragen, dürfe dieser nur zur Selbstverteidigung oder zur Verteidigung von Schwachen gegen Unrecht genutzt werden, wenn alle Verhandlungen scheitern, bestätigt Gursharan Singh, ein Wiener Sikh. "Vor allem in einem Gastland hätte so etwas nicht passieren dürfen", fährt er fort. Kaum wahrgenommen wurde in der Öffentlichkeit, dass der Vorfall in empfindlicher Weise das Verhältnis von zwei Religionsgemeinschaften betroffen hat: den Sikhs und den Ravidasis.

Am 24. Mai 2009 kam es in der vollbesetzten Ravidas-Gebetsstätte in Wien-Fünfhaus gegen 13 Uhr zu einer Schießerei während des Gottesdienstes. Sechs Sikhs mit blau-gelben Turbanen attackierten mit einer Pistole und zwei Messern die Prediger. Die Anwesenden überwältigten die Angreifer, wobei über ein Dutzend Menschen verletzt wurden und einer der Prediger, Guru Sant Rama Anand, getötet wurde. Die Männer seien aufgefallen, da die Ravidasis meist auf öffentliche Zeichen wie den Turban verzichten. Im Bundesstaat Punjab, der Heimat der meisten Sikhs und Ravidasis, kam es nach dem Vorfall zu blutigen Ausschreitungen und Ausgangssperren.

Lange schwelender Konflikt unter Sikhs und Ravidasis?

Die Hintergründe des Vorfalls führen in die Grundlagen beider Religionen. Der Sikhismus wurde im 15. Jahrhundert in Indien als Reformbewegung des Hinduismus mit islamischen Elementen gegründet. Der letzte Guru Gobind (1666 bis 1708) lehnte einen Nachfolger ab, weil die Gefahr einer Spaltung der Gemeinschaft bestand, sondern ernannte das heilige Buch, in dem die Lehren der zehn Gründerväter stehen, zum nächsten Guru. Seither kommt dem Sri Guru Granth Sahib die Guruwürde zu.

Eine weitere Reformströmung ist die Ravidas-Schule, die irrtümlich zu den Sikhs gezählt wird, weil sie ebenfalls das Guru Granth Sahib benützt. Sie sieht sich aber als eigenständige Strömung und kritisiert das unterschwellige Kastenbewusstsein und die Diskriminierung niedriger Kasten, die sie noch immer bei den Sikhs wahrnehmen, so Some Dev, der Präsident der Ravidas-Schule in Wien.

Die Hintergründe des Vorfalls sind noch immer nicht geklärt. Indologen gehen davon aus, dass ein bereits lange Zeit in Indien schwelender Konflikt der Auslöser war. Die Ravidasis gehen davon aus, dass die niedrigen Kasten ihrer Anhänger ein Problem für die Sikhs darstellten. Die Sikhs sehen den Grund darin, dass das Heilige Buch von den Ravidasis "ungut" behandelt wurde. Den beiden Gurus aus Indien wurde mehr Respekt gezollt als dem heiligen Buch, berichtet Gursharan Singh. Da das Buch von den Sikhs als Guru verehrt wird, kommt dies einer Provokation gleich, die in der Form bereits in Großbritannien und in Spanien für Unruhen gesorgt hatte.

Das Heilige Buch wurde nach dem Vorfall von der Ravidas-Schule retourniert, nach eigenen Angaben um weitere solche Vorfälle zu vermeiden. "Wir haben nun ein eigenes Heiliges Buch", berichtet Dev. Eine gute Entscheidung, laut Singh.

Die Berichterstattung sehen die Wiener Sikhs als sehr einseitig, vor allem Vergleiche mit Terroristen und den Taliban seien reine Erfindung. Es wurde jedoch auch absichtlich von beiden Seiten vermieden, Stellung zu dem Vorfall zu nehmen, um Missverständnisse und falsche Beschuldigungen zu vermeiden. In einem offenen Brief distanziert sich die Sikh-Gemeinde von dem Anschlag. Sie lehnt jegliche Art von Fundamentalismus ab und betont die Prinzipien der Gewaltlosigkeit. Den Opfern wurde wiederholt Beileid ausgesprochen.

In der Sikh-Community herrscht Unklarheit über die Täter. "Die bekanntgegebenen Namen haben wenig Aussagekraft, weil jeder männliche Sikh den Nachnamen Singh trägt." Singh bedeutet "Löwe" und erinnert die Anhänger daran, "wie ein Löwe" gegen Unrecht zu kämpfen. (Kaur - Prinzessin - heißen die Frauen.) "Zudem sind die Fotos ohne Turban aufgenommen; in dieser Form hat kein Gemeindemitglied die Personen jemals gesehen, somit können sie auch kaum zugeordnet werden", erläutert Singh.

Nach dem Vorfall sei die Stimmung sehr schlecht gewesen. Singh berichtet, dass Sikhs in öffentlichen Verkehrsmitteln "blöd angeredet" wurden. Dieser Vorfall hat den Namen der Sikhs sehr geschädigt." Die Community sei aus diesem Grund verunsichert, beschreibt ein anderer Sikh die Stimmung.

Dagegen herrscht in der Ravidas-Schule vor allem Angst vor den "Terroristen" und vor weiteren Anschlägen. Auch das Verhältnis zu den Sikh-Gemeinschaften sei seit dem Vorfall nicht gut, berichtet Dev. Eine positive Entwicklung stellt nun die offizielle Anklage seitens der Staatsanwaltschaft dar. So kann endlich Klarheit geschaffen und Beschuldigungen können ausgeräumt werden. Darüber sind alle Parteien sehr erleichtert, so Stefan Almer von der Magistratsabteilung 17 für Integration und Diversität.

Die erste Einwanderungswelle nach Österreich begann 1981, als im Punjab schwere Unruhen ausbrachen. In Wien teilen sich die Sikhs auf zwei Gurudwaras - Gebetsstätten - in Floridsdorf und in Meidling auf. Da jedoch auch die gesellschaftlichen Bindungen an die Ursprungsregion stark sind, besuchen viele Sikhs auch die Hindutempel, um dort andere Punjabis zu treffen, und umgekehrt, so Christina Kundu vom Aswattha-Forum Wien. Die Gemeinschaft ist äußerst stark. Auch die Ravidas-Schule mir ihrem Gebetsraum in Wien-Fünfhaus hat in Wien etwa 400 Anhänger, schätzt Dev.